Kommentar: Kinderlos in die Krise

Es ist zwar nicht logisch, aber psychologisch leicht erklärbar, dass die Überbringer schlechter Nachrichten viel häufiger am Schopf gepackt werden als die Ursachen der Übel. Offenbar brauchen wir immer einen Schuldigen, auf den wir böse sein dürfen. Wenn die EU-Kommission – also ein bewährter Sündenbock – den Europäern nun schonend beizubringen versucht, dass sie künftig im Ruhestand über weniger Einkommen verfügen, höhere Renten- und Pensionsbeiträge zahlen oder mehr und länger arbeiten müssen, dann ist das so ein Fall. An der demographischen Krise sind „die in Brüssel“ nicht schuld. Allenfalls daran, die Augen vor ihren Folgen zu lange und zu fest geschlossen zu haben.

Schuld sind wir Europäer selbst! Seit mehr als drei Jahrzehnten werden in Europa zu wenige Kinder gezeugt (weil zu viele verhütet werden) und zu wenige geboren (weil horrend viele abgetrieben werden). Die offensichtliche Folge dieser Zeugungs- und Gebärverweigerung der Europäer ist eine dramatische Überalterung ihrer Gesellschaften. Am schwierigsten ist die Lage dort, wo die Bevölkerung nicht nur rapide altert, sondern auch seit Jahren schrumpft, also etwa in Deutschland. Die logische Gleichung lautet: Bevölkerungs-Schrumpfung plus Alterung ist gleich sinkende Steuereinnahmen plus steigende Sozialausgaben. Die Folge ist wirtschaftlicher Niedergang.

Nicht vor 25 Jahren, als eine kluge Politik noch hätte gegensteuern können, sondern jetzt sucht die EU-Kommission nach Ideen, wie die Renten- und Pensionssysteme in Europa abgesichert werden könnten. Wer glaubt, der demographischen Krise entrinnen zu können, ist naiv. Wer es behauptet, ist ein gefährlicher Demagoge. Heute kann es nur mehr darum gehen, sich auf explodierende Kosten für Gesundheit, Pflege und Pensionen, also auch auf wachsende soziale Spannungen in Europa einzustellen. In und mit der kommenden Krise werden die Europäer aber nur überleben, wenn sie eine mutige Wende wagen – und ihre Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik endlich an den Kindern ausrichten.