Kommentar: Gut, dass der Papst kommt

Von Markus Reder

Leitartikel: Die Unruhe wächst

Endlich ist offiziell bestätigt, was seit geraumer Zeit schon über deutsch-römische Kanäle gefunkt wurde: Papst Benedikt XVI. besucht nächstes Jahr Deutschland. Es ist die dritte Reise des Pontifex in sein Heimatland, aber dieser erste Staatsbesuch unterscheidet sich deutlich von den vorausgegangenen Visiten. Das gilt nicht nur für die Ziele, sondern auch für die Situation der Kirche in Deutschland.

Der Papst trifft auf eine Ortskirche, die vom Missbrauchsskandal traumatisiert ist und um ihren Weg in die Zukunft ringt. Er begegnet einer Ortskirche, die einen Dialogprozess ausgerufen hat und sich dabei festzufahren droht in alten Strukturfragen. Innerkirchliche Selbstbespiegelung oder Glaubensaufbruch: Das ist die Alternative. Eine Kirche, die sich nur mit sich selbst beschäftigt, sei schon auf dem falschen Weg, hat Benedikt XVI. vor kurzem betont. Das gilt auch für Deutschland. Die Gesellschaft hungert nach Gott, der Glaube verdunstet und die Kirche diskutiert über Zölibat und Frauenpriestertum?

Dieser Papst-Besuch ist eine Chance, gemeinsam den Blick auf den zu richten, von dem alle Erneuerung ausgeht: auf Jesus Christus. Diese Chance zu nutzen, setzt voraus, auf Benedikt XVI. zu hören. Mit dem Hören auf Rom tut man sich im Mutterland der Reformation, wo sich auch viele Katholiken in die mentale Enge nationalkirchlichen Denkens zurückgezogen haben, schwer. Auch deshalb ist dieser Besuch eine Herausforderung. Mehr noch: Das Oberhaupt der katholischen Kirche besucht Berlin, die Hauptstadt des Atheismus. Das wird keine Jubelveranstaltung wie der Weltjugendtag in Köln, kein Freudenfest wie das Wiedersehen mit dem Papst in seiner bayerischen Heimat. Die Bilder von leeren Straßen und nackten Demonstranten, die einst den Mauerbrecher Johannes Paul II. in Berlin empfingen, sind unvergessen. Die Stimmung hat sich weiter zugespitzt, der Hass auf die Kirche ist gewachsen, Spaltungen im Inneren der Kirche schwären weiter. Der Missbrauchsskandal wirkt da in vielem wie ein Brandbeschleuniger. In dieser Situation kommt der Papst. Und das ist gut so. Vielleicht erlebt man nirgendwo sonst das Aufeinanderprallen der Kulturen so deutlich wie in Berlin: Säkularisiert bis auf die Knochen, maximal multikulturell, schwindende christliche Restbestände. Wie durch ein Brennglas lässt sich in Berlin die Zukunft der Christen in einer glaubensfremden Umwelt besichtigen. Das aber ist genau die Gesellschaft, die gemeint ist, wenn Benedikt XVI. von Neuevangelisierung spricht. In Berlin zeigt sich auch, wie das gehen kann. Wer als bekennender Katholik dort lebt, macht die Erfahrung, dass der Weg vom religiösen Exoten zum gefragten Gesprächspartner, mithin zum modernen Missionar, so weit nicht ist.

Sieht man sich die bisherigen Reiseziele des Heiligen Vaters an, erkennt man unschwer: Dieser Papst sucht sich mit Vorliebe schwierige Länder aus, die in besonderer Weise der Stärkung im Glauben bedürfen. Kein Wunder eigentlich, dass er jetzt erneut nach Deutschland kommt.