Stuttgart

Kommentar: Grüne Bildungsverachtung

Die Rechtschreibung zu beherrschen, ist wichtig. Den Maschinen das richtige Schreiben zu überlassen ist wie der Glaube, mit Computern könne in Schulen mehr Bildung erreicht werden.

Die Bedeutung der Rechtschreibung
Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann meint, es habe keine Bedeutung mehr, die Rechtschreibung zu lernen. Foto: Sebastian Gollnow (dpa)

Die linke Gesellschaftstheorie nennt es noch immer Herrschaftswissen: Gerade in der Wissensgesellschaft Wissen zu haben, das andere nicht haben. In diesem Sinne hat der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) erklärt, die Rechtschreibung zu lernen habe keine Bedeutung mehr. Kretschmann selbst aber hat sie gelernt und beherrscht sie nach eigener Aussage: „Ich habe gute Rechtschreibkenntnisse. Ich glaube, die sind sogar sehr gut. Ich korrigiere selbst Vermerke von Beamten, die ja in der Regel nichts auslassen. Da bin ich firm.“

Reichlich weltfremde Behauptung

Herrschaftszeiten! Und dieses Wissen will Kretschmann künftig Schülern vorenthalten? Weil in Computern oder Handys die richtige Rechtschreibung steckt? Die Frage ist nicht nur, wer die Geräte in Zukunft richtig programmieren soll, sondern ob diese Idee beliebig erweiterbar ist. Ob nämlich das kleine Einmaleins auch nicht so wichtig ist, weil es ja genug „kluge Geräte“ gibt, wie Kretschmann meint.

Die Behauptung, Rechtschreibung sei nicht mehr so wichtig, ist auch reichlich weltfremd. Zum einen fließen seit diesem Schuljahr Rechtschreibfehler oberhalb der Grundschule in Baden-Württemberg in die Noten ein; andererseits schauen sich Arbeitgeber Bewerbungsschreiben auch auf die Rechtschreibung hin an. So gilt auch von der Rechtschreibung in vielen gesellschaftlichen Bereichen, was Kretschmann in diesen Tagen an anderer Stelle sagte: „Wer nicht mitkocht, der steht am Ende auf der Speisekarte.“

Wie Goethe seine unregelmäßige Rechtschreibung begründete

Den Maschinen das richtige Schreiben zu überlassen ist wie der Glaube, mit Computern könne in Schulen mehr Bildung erreicht werden. Goethe begründete seine unregelmäßige Rechtschreibung noch damit, dass er schneller denke, als die Feder gehe. Heute gilt mehr das Nietzsche-Wort: Eine klare Sprache zeigt ein klares Denken. Beides zusammen führt zur richtigen Rechtschreibung, einer einzigartigen Kulturtechnik.