Kommentar: Geheuchelte Bürgerliebe

Von Stefan Rehder

Stefan Rehder. Foto: DT
Stefan Rehder. Foto: DT

Es wäre großartig, wenn die Politik so menschenfreundlich wäre, wie sie sich gibt. Alle zwei Jahre sollen nun sämtliche Krankenversicherten angeschrieben und gefragt werden, ob sie sich als Organspender registrieren lassen wollen (siehe Seite 2). In einem Staat mit mehr als 80 Millionen Einwohnern stellt dies nicht nur ein kostspieliges, sondern unter bürokratischen Gesichtspunkten auch beispielloses Unterfangen dar. Nutznießer dieses Aufwandes sollen die Menschen sein, die zum Weiterleben auf ein fremdes Organ angewiesen sind und deren Zahl seit Jahren – erstaunlich gleich bleibend – mit 12 000 angegeben wird. Wie lieb und teuer muss „Vater Staat“ jeder dieser Bürger sein, wie viel muss ihm an ihrem Leben und ihrem Wohlergehen liegen, wenn er sich zu einer solchen Aktion bereit findet? Die ehrliche Antwort ernüchtert: Staat und Politik geht es nicht um die Rettung von 12 000 Menschenleben. Wäre es so, müssten sie – worauf Lebensrechtler zu Recht hinweisen – ähnliche Anstrengungen unternehmen, um den Schutz von Kindern im Mutterleib zu gewährleisten. Das tun sie aber nicht. Schlimmer noch: Der Staat zwingt sogar unbeteiligte Bürger, die Vernichtung hunderttausender unschuldiger und wehrloser Menschen mit ihren Steuergeldern zu subventionieren.

Hinzu kommt: Während heute niemand, der bei klaren Verstand ist, bestreitet, dass der Embryo im Mutterleib ein Mensch ist, bleibt der Status von Hirntoten strittig. Nicht nur in dieser Zeitung ringen Experten um eine, sämtliche Zweifel ausräumende Antwort auf die Frage, ob hirntote Menschen, die allein als Organspender in Frage kommen, Leichen sind oder ob es stattdessen um Sterbende handelt? Die Politik zeigt nicht nur keine Bereitschaft, die Klärung dieser Frage zu fördern. Sie tut viel dafür, eine gesellschaftliche Debatte über diese Frage zu unterbinden. Der Grund: Transplantationsmedizin und die Pharmaindustrie, die mit der Produktion von Immunsupressiva ein Vermögen verdienen, sind wichtige Wirtschaftsfaktoren, deren Bedeutung in einer vergreisenden Gesellschaft weiter steigen wird.