Kommentar: Europas bedrohte Juden

Von Oliver Maksan

Oliver Maksan. Foto: DT
Oliver Maksan. Foto: DT

Toulouse, Brüssel und vergangene Woche Paris: Die Liste blutiger Anschläge auf jüdische Einrichtungen in den vergangenen Jahren wird länger. In Belgien blieben jetzt jüdische Schulen im Rahmen einer Anti-Terror-Razzia präventiv geschlossen, weil sie mögliche Anschlagsziele sind. All das zeigt: Das europäische Judentum in Europa ist gefährdet, wie man es nach dem Holocaust nicht für möglich gehalten hätte. Fast die Hälfte der britischen Juden trägt sich aktuellen Umfragen zufolge deshalb mit dem Gedanken der Auswanderung. Und die jüdische Abwanderung aus Frankreich in Richtung Israel ist so hoch wie nie.

Der Hauptgrund für die Erosion des Vertrauens der Juden in ihre Zukunft in Europa liegt aber anders als früher nicht in einem einheimischen Anti-Semitismus, wie er auf der extremen Rechten, mit Blick auf Israel auch auf der extremen Linken, anzutreffen war. Dieser ist zwar nicht verschwunden, aber nurmehr eine randständige, gesellschaftlich geächtete Erscheinung. Der neue Anti-Semitismus ist ein importiertes Phänomen. In keinem Milieu ist der Hass auf Juden im Allgemeinen und Israel im Besonderen derart verbreitet wie unter muslimischen Einwanderern. Egal ob Türken oder Araber: Den Nachkriegskonsens des europäischen Mainstreams bezüglich des Judentums und Israels teilen sie mehrheitlich nicht. Nun übt nur ein Bruchteil Anschläge auf koschere Supermärkte aus oder befürwortet diese auch nur. Aber Judenfeindschaft ist salonfähig, und systematische Prävention fehlt. Für Europas Muslime aber ist die Ächtung anti-jüdischer Haltungen ein Lackmustest der Integrationsbereitschaft. Israel seinerseits tut sich keinen Gefallen, wenn es glaubt, die islamistische Bedrohung Europas verzwecken zu können. Netanjahu kann sich mit dem Hinweis, Israel und der Westen hätten im extremistischen Islam denselben Feind, nicht aus der Verantwortung entlassen, sich mit den Palästinensern zu einigen. Letzteres brächte islamischen Judenhass nicht zum Verschwinden, würde ihn aber von einer seiner ergiebigsten Quellen abschneiden.