Kommentar : Differenziert euch

In einem von Gesinnungsethik geprägten Land wie Deutschland haben es Differenzierungen mitunter schwer. Von Oliver Maksan

In einem von Gesinnungsethik geprägten Land wie Deutschland – kein Wunder angesichts seiner aus Protestantismus und Idealismus erwachsenen Kultur – haben es Differenzierungen mitunter schwer. Sie sind dabei grundlegend für die Demokratie wie für politisches Handeln im Allgemeinen. Nirgends ist dies so deutlich geworden wie in der Flüchtlingsfrage, in der bis vor kurzem ein moralistischer Überbietungswettbewerb die öffentliche Debatte prägte. Dass jetzt der Bundespräsident in Jordanien hervorhob, es gelte zwischen Asyl- und Wirtschaftsmigration zu unterscheiden, weil man letztlich nur so den wirklich politisch Verfolgten gerecht werden könne, ist eigentlich eine Binse. Der Blick ins Grundgesetz genügt, um dies zu erkennen. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise aber machte schon das verdächtig. Dass sich ein bislang nicht als unabhängiger Denker aufgefallener SPD-Parteisoldat nun aber so äußert ist bemerkenswert – nicht zuletzt angesichts seiner Partei, die zum Verdruss ihrer Basis in gesinnungsethischen Funktionärsdiskursen gefangen bleibt. Das zeigt, dass die Flüchtlingsdebatte von der Spitze her vorsichtig repolitisiert wird.

Die Kirche in Deutschland hat diesen Lernmoment noch vor sich. Keine Frage: Sie muss Anwältin der Schwachen sein und für eine großherzige Aufnahme und menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen eintreten. Sie sollte darüber aber nicht den Blick auf die Realitäten und die Folgen der Masseneinwanderung übersehen. Wirklich hörbar waren eventuelle Differenzierungen bislang nicht. Eine undifferenzierte und damit unterkomplexe Herangehensweise aber diskreditiert letztlich auch das edelste Anliegen.