Kommentar: Der lädierte Messias

Von Stefan Meetschen

Auf die Wirtschaft kommt es an. Mit dieser Einstellung setzte sich vor fast zwanzig Jahren Bill Clinton gegen den damaligen US-Präsidenten George Bush sen. durch. Jetzt versucht es der gegenwärtige Präsident, Barack Obama, mit der gleichen Methode. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten liegt bei 8, 3 Prozent, der Schuldenberg ist horrend, die wirtschaftlichen Aussichten trübe. Angriff statt Verteidigung. So lautete Obamas rhetorische Devise bei seiner parteiinternen Nominierungsrede in Charlotte im Bundesstaat North Carolina. Gewürzt mit einer Nuance neuem Realismus.

„Wir werden mehr als einige wenige Jahre brauchen, um die Herausforderungen zu lösen, die sich über Jahrzehnte aufgebaut haben“, sagte Obama vor den 20 000 demokratischen Delegierten, die ihn schon vorab zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten für die Wahl am 6. November nominiert hatten. „Unser Weg ist härter, aber er führt zu einem besseren Ort.“ Deshalb: höhere Steuern für Besserverdiener, mehr Jobs in der Industrie und alles wird mit leichter Verspätung doch noch gut.

Nicht alle Amerikaner teilen diesen Optimismus. Bei aktuellen Umfragen genießt Obama nur einen dünnen Vorsprung vor seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney, den viele Amerikaner als wirtschaftlich kompetenter einstufen. Dazu kommt: Durch die anhaltende Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre hat Obama sein Erlöser-Image verspielt. Der Messias ist lädiert und einem pragmatischen Realpolitiker gewichen.

Große Unterstützung von katholischer Seite darf Obama nicht erwarten. Mit seinem Konfrontationskurs gegen religiöse Einrichtungen zugunsten der Förderung von Verhütung und Abtreibung hat er sich einen wichtigen Solidaritätspartner beim Werteaufbau in der Gesellschaft vergrätzt. Gerade in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten wäre eine solche Solidarität aber enorm hilfreich. So gesehen, bleibt ihm tatsächlich nur der wirtschaftliche Segen. Wenn es diesen gibt.