„Kein Wachstum in der Erkenntnis“

Der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich hält die Kritik am „Marsch für das Leben“ für verfehlt von Regina Einig

Wie bewerten Sie den Brief der Kritiker des „Marsches für das Leben“ an die Unionsfraktion? (Siehe dazu Beitrag Seite 3)

Zunächst sehe ich in diesem Brief einen Versuch, Stimmen zum Schweigen zu bringen, die sich konsequent für das Leben und den Lebensschutz einsetzen. Dabei erheben die Verfasser des Briefes die alten Vorwürfe. Ihre Argumente und die Diktion zeugen von großer Realitätsferne – medizinisch wie auch juristisch und menschlich. Es sind „Argumente“, die eigentlich keine mehr sind. Substanziell Neues wird nicht vorgebracht. Schon deshalb halte ich den Brief für verfehlt. Er zeigt, dass hier kein Wachstum in der Erkenntnis stattgefunden hat.

Was ist von der Argumentation zu halten?

Traurig ist, dass auch medizinische Erkenntnisse der jüngsten Zeit nicht berücksichtigt werden. Fast tragisch ist, wie hier juristisch argumentiert wird. Die Verfasser übersehen, dass die sogenannten Persönlichkeitsrechte des Einzelnen dort enden, wo die Würde anderer Menschen beginnt. Das scheint man überhaupt nicht mehr im Blick zu haben. Menschlich betrachtet wird vollkommen verkannt, dass es ein Marsch für das Leben von der Empfängnis an gewesen ist und damit für die Kinder und nicht gegen die Frauen. Ich gehe davon aus, dass sich Mütter darüber eigentlich freuen, wenn wir uns für das Leben der Kinder einsetzen. Auch das Leiden der Mütter, die eine Abtreibung hinter sich haben, wurde in Berlin thematisiert.

Lebensschützer sehen sich dem Vorwurf eines christlich-fundamentalistischen Weltbildes besonders leicht ausgesetzt.

Ich habe während des ganzen Marsches keine Worte vernommen, mit denen zu Hass oder zur Gewalt aufgerufen wurde. Insofern sind die Vorwürfe tatsächlich nicht zutreffend. Was aber ist mit fundamentalistisch gemeint? Das Wort ist ja zu einem Totschlagbegriff geworden, mit dem man versucht, auch berechtigte Anliegen und Forderungen zu diskreditieren. Wir sind nicht fundamentalistisch, wohl aber fundamental, indem wir versuchen, die Fundamente, auf denen unsere Kultur beruht, zu schützen. Dazu gehört zweifellos auch die Würde des menschlichen Lebens. Das haben wir getan. Insofern war der „Marsch für das Leben“ für mich eine eindrucksvolle Demonstration. Gerade durch das Schweigen der Teilnehmer hat der Marsch auch eine besondere Überzeugungskraft gewonnen.

Wie sähe eine angemessene Reaktion auf den Brief seitens Kirche und Politik aus?

Über die politische Reaktion müssen andere entscheiden. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich auch Politiker mit dem Anliegen der Lebensschützer identifizieren können, weil es auf der Linie des Grundgesetzes und letztlich auch auf der Linie unseres Strafrechts bewegt. Wir alle wissen, dass der Gesetzgeber nach wie vor gefordert bleibt, zum Schutz des Lebens massiv beizutragen. Insofern muss sich die Politik – und das ist vielleicht sogar gut – noch einmal mit der Frage des Lebensschutzes auf dem Hintergrund des § 218 auseinandersetzen, denn die Überprüfung der geltenden Rechtsregelung war ja auch die Intention des Bundesverfassungsgerichtes. Die Kirche wird versuchen, ihren Einfluss auch im Sinne der Gesetzgebung deutlich zu machen. Theologisch ist für uns dabei ausschlaggebend, dass gerade wir Christen an einen Gott glauben, der das Leben ist. Schon aus diesem Grund werden wir uns immer für das Leben einsetzen.

Stichwort Identität: Wenn Korane verbrannt werden sollen, löst das unter Christen dezidierten Widerspruch aus. Fliegen Kreuze in die Spree, herrscht weitaus mehr Gelassenheit. Sollen wir Christen mit mehr Nachdruck auf das hinweisen, was uns heilig ist?

In der Frage des Islam spielt nicht nur die Überzeugung eine Rolle, sondern auch die Furcht vor dem politischen Druck bis hin zur Angst, sich den Terror ins Land zu holen. Deswegen reagiert man viel sensibler. Dennoch sollte deutlich nach außen gesagt werden, dass es bei uns eine Unkultur gegenüber dem christlichen Glauben gibt. Da brauchen wir deutlich mehr Zivilcourage. Leider haben wir uns in Deutschland an vieles schon zu sehr gewöhnt.