Kaufen heißt Wählen

Der Fotograf Éric St-Pierre zeigt mit seinen Bildern, dass fairer Handel für alle viele Vorteile hat. Von Anna Sophia Hofmeister

Fairtrade verbindet die Käufer mit den Menschen hinter den Produkten. Foto: Fotos: Éric St-Pierre
Fairtrade verbindet die Käufer mit den Menschen hinter den Produkten. Foto: Fotos: Éric St-Pierre

Nazmas Haus ist anders als das ihrer Nachbarn. Nicht aus Holzbalken, Pappe, Stoffresten und Wellblech notdürftig zusammengeflickt – fest und sicher steht es da, ganz aus Beton, mit einer richtigen Holztür, die sie in lustigem Blau angestrichen hat. „Mit dem letzten Jahresbonus und einem kleinen Darlehen von meinem Arbeitgeber konnte ich ein eigenes Haus bauen“, erzählt sie stolz. Nazma wohnt in den engen Gassen eines Bihari-Lagers in Saidpur im Norden Bangladeschs. Sie gehört zu der staatenlosen Randgruppe der muslimischen Bihari, die in den 40er Jahren Indien und seine Hindu-Mehrheit verließen und in Bangladesch keine Anerkennung fanden. Doch Nazma fühlt sich hier zuhause, seit sie Arbeit gefunden hat. Im größten Zimmer ihres Hauses, das nur aus wenigen Quadratmetern besteht, beenden ihre beiden Töchter gerade eine Stickerei. „Früher brachten mir die Stickereien 300 bis 400 Takas (etwa drei bis 4 Euro) pro Monat ein“, sagt Nazma, „doch seit ich für Action Bag arbeite, verdiene ich rund das Zehnfache. Nun können meine Töchter wieder auf die Schule gehen.“

Action Bag wurde Mitte der 70er Jahre gegründet. Das Unternehmen produziert Jutetaschen – aus dem natürlichen Rohstoff, der Bangladesch im Überfluss zur Verfügung steht. Die Taschen kamen genau zu dem Zeitpunkt auf den Markt, als in Europa der Feldzug gegen Plastik seinen Höhepunkt erreicht. „1976 verhalfen uns Bestellungen wie der GEPA in Deutschland zum Export von 25 000 Jutetaschen im Monat“, sagt der Geschäftsführer von Action Bag. Heute beschäftigt er 75 fest angestellt Frauen, 30 weitere arbeiten regelmäßig als Teilzeitkräfte.

Nazma ist ein Beispiel von vielen dafür, dass Fairtrade Leben verändern kann. Der kanadische Fotograf Éric St-Pierre, der Nazma getroffen hat, kann von vielen weiteren erzählen. 17 Länder hat er auf den Spuren des Fairtrade bereist; Kunsthandwerkerinnen in Bangladesch, Kaffeebauern in Äthiopien und Baumwollpflanzer in Mali besucht. Seine Erlebnisse hat er in einem großformatigen Buch zusammengefasst, dessen Bilder nicht nur von der Welt, sondern auch vom Wesen und der Geschichte des fairen Handels erzählen (Éric St-Pierre: Fairtrade. Eine Reise um die Welt. Grubbe Media 2013. ISBN 978-3-942194-10-5, EUR 39,95).

Fair gehandelte Waren gibt es seit den 1970er Jahren in Eine-Weltläden und Supermärkten. Vor über 60 Jahren legten christliche Bewegungen in den Vereinigten Staaten, in den Niederlanden, in England und Frankreich den Grundstein für das heutige weltweite Fairtrade-Netzwerk. Ende der 80er Jahre wurde das Gütesiegel mit dem blau-grünen, nach der gegen Ungerechtigkeit kämpfenden Romanfigur Max-Havelaar benannten Label eingeführt. Lebensmittel, die mit diesem Siegel ausgezeichnet sind, werden nach den internationalen Standards für fairen Handel, die durch die Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) seit 1997 festgelegt werden, produziert und gehandelt. Das heißt, dem Kleinproduzenten und seinen Kooperativen werden Mindestpreise garantiert, die Produktionskosten, Entwicklungsprämien und eventuell Vorfinanzierungen abdecken. Für Käufer ist dieses Siegel ein wichtiger Hinweis, da es im Gegensatz zum Bioanbau für fairen Handel bislang kein nationales oder internationales Regelwerk gibt. Gleichzeitig zeigt es ihm den wahren sozioökonomischen Wert des Produktes an.

„Die Handelspartnerschaft des Fairtrade basiert auf den Prinzipien des Dialogs, der Transparenz und des Respekts; sie hat sich eine größere Gerechtigkeit im internationalen Handel zum Ziel gesetzt“, definiert sich Fairtrade. Fairer Handel solle zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen, indem er Produzenten und Arbeitern insbesondere auf der Südhalbkugel bessere Handelsbedingungen bietet und ihre Rechte sichert. Gleichzeitig wollen sich Fairtrade-Organisationen mit Unterstützung der Verbraucher aktiv für die Produzenten einsetzen und das Bewusstsein für nötige Veränderungen in den Regeln und Praktiken des herkömmlichen internationalen Handels schärfen.

Der Fairtrademarkt setzte sich durch. inzwischen kann er auf ein Umsatzniveau von fast fünf Milliarden Euro blicken. Allein das Fairhandelshaus GEPA, das 1975 vom katholischen Hilfswerk Misereor, dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und anderen kirchlichen Organisationen gegründet worden war, meldete im Mai, dass im Geschäftsjahr 2013/2014 sein Umsatz im Vorjahresvergleich um 4,2 Prozent auf 63,6 Millionen Euro gewachsen sei. Kunden hätten Kaffee, Schokolade und andere GEPA-Artikel zu Endverbrauchspreisen in Höhe von 97 Millionen Euro gekauft, hieß es. Umsätze, die nicht nur dem Unternehmen, sondern vor allem seinen Zuarbeitern zugute kommen, Menschen wie Nazma und ihrer Familie.

Hinter Fairtrade steckt dabei mehr als nur ein existenzsichernder Preis. „Es ist Handel auf Augenhöhe, eine Bewegung, deren Richtung die Produzentenorganisationen aktiv und gleichberechtigt mitbestimmen“, zitiert der Fotograf Dieter Overath, den Geschäftsführer von TransFair e.V. Köln, einem gemeinnützigen Verein zur „Förderung des Fairen Handels mit der ,Dritten Welt‘“. „Frische Blumen und Bananen das ganze Jahr hindurch, unzählige Sorten Kaffee, Schokolade und Tee – wir halten Produkte aus dem globalen Süden für selbstverständlich. Und doch wächst die Sehnsucht nach Nähe, Persönlichkeit und Identifizierung mit den Dingen, die wir kaufen.“ Der faire Handel sei globale Regionalität. „Fairtrade verbindet uns mit den Menschen hinter den Produkten und stellt uns unsere globale Nachbarschaft vor.“

„Im Grunde sind die Menschen gar nicht so unterschiedlich, ob sie auf dem Land in Burkina Faso leben oder auf den Hochebenen von Bolivien“, sagt der Fotograf Éric St-Pierre, der diese Menschen auf seinen Reisen kennengelernt hat. „Jeder wünscht sich ein Leben in Würde und seinen Kindern eine vielversprechende Zukunft.“ Ökonomische Lösungen „im westlichen Stil“ verbessern die Lage jedenfalls nicht, stellt er fest. Seine Einblicke in den Lebens- und Arbeitsalltag der Beschäftigten habe ihm aber auch gezeigt, dass trotz aller Vorteile der faire Handel kein „Allheilmittel“ ist, „das alle regionalen oder globalen Ungerechtigkeiten ausrotten könnte“.

Mit seinen Bildern zeigt er Menschen, die für gute Produkte hart arbeiten: Baumwolle pflücken, Zuckerrohr schneiden, Reis ziehen, Kaffee wenden, Hanf spinnen, Stoffe bemalen und zusammennähen. Mit der Achtung dieser Anstrengung durch eine gerechte Vergütung, wird den Menschen ermöglicht, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Zum Beispiel Nazmas Haus aus Beton, oder aber auch die Schulen, die in Mali von Fairtrade-Prämien aus dem Baumwollverkauf errichtet werden konnten.

„Fairtrade ist keine wohltätige Geste“, betont Éric St-Pierre. „Fairtrade ist ein Pakt der Gerechtigkeit mit den Menschen, die auf diesem Planeten immer wieder an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.“ Nazma ist nicht reich. Sie hat keinen Fernseher, kein Handy. Aber sie kann ihren Kindern Essen machen und ihnen neue Schulhefte kaufen. Sie ist zufrieden: Schwungvoll spült sie mit einem Blecheimer voll Wasser den Straßenschmutz von ihrer Schwelle aus Beton.