Italien: Die Rückkehr der Christdemokraten

Giulio Andreottis letzter Triumph: Unter Enrico Letta sammeln sich wieder katholische Politiker. Von Guido Horst

Die Segnung des Sarges von Giulio Andreotti, dem Urgestein der „Democrazia cristiana“. Foto: dpa
Die Segnung des Sarges von Giulio Andreotti, dem Urgestein der „Democrazia cristiana“. Foto: dpa

Man meint, das politische Italien zu kennen: Berlusconi, Ruby, Bunga bunga. Aber es gibt auch jene unterirdischen Lavaströme, die tatsächlich ausschlaggebend sind. Zur Beerdigung des christdemokratischen Urgesteins Giulio Andreotti erschien Anfang der Woche eine Karikatur in einer der großen Tageszeitungen des Landes: Zwei Männer, einer in Tränen. Der eine fragt den Weinenden: „Warum heulst du? Weil Andreotti gestorben ist?“ Der antwortet: „Nein, weil die Democrazia cristiana von den Toten auferstanden ist!“ Enrico Letta führt die erste Große Koalition, und den Linken – aber den richtigen Linken, nicht den rot übermalten Linkskatholiken – dreht sich derzeit der Magen rum. Die Doppel-Pleite Pier Luigi Bersanis, des Parteichefs des linken „Partito Democratico“, bei der Kür des Nachfolgers von Staatspräsident Giorgio Napolitano – erst fiel sein Kandidat Franco Marini, ein alt gedienter Gewerkschaftler, in der Wahlversammlung durch, dann ließen die eigenen Leute Bersani beim Votum für Romano Prodi hängen – war jedoch nicht die erste saure Gurke, die Italiens Linke zu verkraften hatte. Eigentlich geht es schon seit Jahrzehnten bergab. Vorgestern gedachte Italien – einhellig, über alle Parteigrenzen hinweg – des einstigen Vorsitzenden der christdemokratischen Partei, Aldo Moro, der am 9. Mai vor 35 Jahren tot aufgefunden worden war, erschossen von den Roten Brigaden. Moro steht für den „historischen Kompromiss“, eine irgendwie geartete politische Zusammenarbeit von Katholiken und Kommunisten, da letztere damals ihre Hochphase hatten und sich anschickten, sich als zweitgrößte Kraft hinter der „Democrazia cristiana“ dauerhaft zu installieren.

Doch seither haben die italienischen Kommunisten abgebaut. Am vergangenen 1. Mai waren hier und dort bei den allfälligen Manifestationen zum „Tag der Arbeit“ wieder einmal die alten roten Fahnen mit Hammer und Sichel zu sehen. Reine Nostalgie. Die Kommunisten sitzen nicht einmal mehr im Parlament. Wer sich von den Genossen vor dem Kommunistenfresser Silvio Berlusconi retten konnte, sitzt heute – mehrfach bei neunzig Grad gewaschen und in verschiedenen Nachfolgeorganisationen immer wieder neu gestylt – in Bersanis „Demokratischer Partei“, die gerade fieberhaft einen außerordentlichen Parteitag vorbereitet, um nach dem Fiasko ihres Vorsitzenden bei der Präsidentenwahl einen neuen Parteichef auf den Schild zu heben! Matteo Renzi, der dynamische Bürgermeister von Florenz und parteiinterner Herausforderer von Bersani lässt grüßen!

Doch wer sitzt heute in der Regierung, nachdem Italiens Kommunisten unter-, die Christdemokraten in die Luft und die Gefolgsleute der Plastik-Partei „Forza Italia“ von Silvio Berlusconi in dem Strudel der Skandale um ihren Gründer badengegangen sind? Immerhin hat Italien jetzt – das betonen vom Staatspräsidenten bis zu den einzelnen Abgeordneten alle – eine „politische Regierung“ und kein Technokraten-Kabinett, wie das von Mario Monti, der aus den Bürgern nur das Geld herausgepresst hat und dann bei den jüngsten Nationalwahlen kläglich gescheitert ist. Ein Blick auf einige führende Figuren.

Enrico Letta begann seine politische Karriere in der „Democrazia cristiana“. Beniamino Andreatta, einst Freund von Aldo Moro und führender Regierungspolitiker der christdemokratischen Partei, hatte den jungen Letta „entdeckt“ und auf seine Laufbahn geschickt. Dieser wurde dann stellvertretender Vorsitzender des „Partito Popolare Italiano“, einer Nachfolge-Formation der untergegangenen „Democrazia cristiana“, und gelangte schließlich über das politische Auffangbecken, in dem sich die Restkommunisten und Linkskatholiken nach dem Crash der „Democrazia cristiana“ vereinigten, auf den Posten des stellvertretenden Parteivorsitzenden der „Demokratischen Partei“ hinter Pier Luigi Bersani. Ein Christdemokrat.

Angelino Alfano ist jetzt Vize-Premier und Innenminister. Er ist der Parteivorsitzende des „Volks der Freiheit“ von Silvio Berlusconi, obwohl der Cavaliere der unwidersprochene „leader“ seiner Partei bleibt. Alfano entdeckte in der Jugendorganisation der „Democrazia cristiana“ seine politische Berufung, machte dort eine steile Karriere, bis er sich nach der Implosion der christdemokratischen Partei der „Forza Italia“ Berlusconis anschloss. Ein Christdemokrat.

Verteidigungsminister Mario Mauro lässt seine Nähe zu der Bewegung „Comunione e Liberazione“ nicht so heraushängen wie Maurizio Lupi, der nun das – für Italien wichtige – Ministerium für Infrastruktur und Verkehr führt. Beide sind zu jung, als dass sie noch in die „Democrazia cristiana“ hätten hineinwachsen können – sie gingen gleich zu Berlusconis „Forza Italia“. Doch Mauro, der längere Zeit Europaparlamentarier war und sich immer wieder gegen die Verfolgung der Christen in der Welt zu Wort meldet, vertritt wie Lupi die Grundsätze der christlichen Soziallehre. Beide sind Christdemokraten. Das gilt auch für Dario Franceschini, der einmal zur Abwechslung nicht aus den Reihen Berlusconis kommt, sondern Parteichef der „Demokratischen Partei“ war, aber aus ihrem christdemokratischen Flügel stammte. Er leitet das Ministerium für die Beziehungen zum Parlament und machte seine ersten politischen Schritte noch in der Jugendorganisation der „Democrazia cristiana“. Ein Christdemokrat.

Die Reihe ließe sich beliebig fortführen, wenn man die neu ernannten Staatssekretäre abklopfen würde. Die Zeit der Kommunisten und Ex-Faschisten ist vorbei, die Linkspartei „Partito Democratico“ ringt um ihre Identität, die „Forza Italia“ hat nach parteiinternen Unregelmäßigkeiten bei der Verwaltung des Geldes ein massives Darstellungsproblem und Beppe Grillos „Bewegung der fünf Stzerne“ will gar nicht regieren. Die einzige Kraft, die in Italien jetzt wieder Programm und Personal liefern kann, ist der katholische Block christdemokratischer Tradition.

Als die Medien Anfang der Woche den mit 94 Jahren verstorbenen Giulio Andreotti würdigten, war überall zu lesen, wie oft „der Göttliche“ Regierungschef war oder wichtige Ministerposten innehatte. Eins jedoch war Andreotti nie: Chef der „Democrazia cristiana“. Der katholische Politiker war ein treuer Sohn der Kirche, besser noch: ein Mann des Vatikans. Das hat man ihm jetzt aus dem Staatssekretariat auch wieder bestätigt. Andreotti hatte keinen christdemokratischen Parteiflügel hinter sich. Während die Kommunisten nach Moskau schauten, hielt es Andreotti mit den Päpsten. Moskau und der Papst – im Grunde zwei ausländische Mächte, die Bezugspunkt für viele Italiener waren. Diese Zeiten sind längst vorbei.

Im Schatten der zurückliegenden Parteiskandale und unter dem langsam untergehenden Stern Silvio Berlusconis bildet sich wieder so etwas heraus, was man als eigenständige, nicht am Vatikan orientierte und über mehrere Parteien verteilte christdemokratische Bewegung Italiens bezeichnen könnte. Kein Wunder, das sich Enrico Letta mit seiner Regierungsmannschaft zur ersten Klausurtagung in ein Kloster zurückzog.