Irland hat sich geändert

Das Referendum markiert einen Bruch in der Geschichte des katholischen Landes. Von Oliver Gierens

Abtreibungsreferendum in Irland
Der Jubel bei den Gewinnern ist groß. Foto: dpa
Abtreibungsreferendum in Irland
Der Jubel bei den Gewinnern ist groß. Foto: dpa

Knapp 66 Prozent der Wähler – das sind rund 1,43 Millionen Iren – stimmten für die Aufhebung des Abtreibungsverbots. Gut 734 000 Wähler, etwa 34 Prozent, sagten Nein zur Legalisierung von Abtreibungen. In nahezu allen Stimmbezirken des Landes erhielt das Referendum eine Mehrheit – insbesondere in der Hauptstadt Dublin, wo die Zustimmung bei weit über 70 Prozent lag. Nur im Bezirk Donegal an der Grenze zu Nordirland sagte eine Mehrheit der Bürger „Nein“. Auffällig ist vor allem das Altersgefälle: Junge Wähler unter 30 stimmten zu über 85 Prozent für das Referendum, bei den unter 25-Jährigen waren es fast 90 Prozent. Nur die Menschen über 65 Jahren votierten zu rund 59 Prozent mit Nein.

Diese Ergebnisse zeigen einen dramatischen Generationenwechsel. Insbesondere die jungen Auslandsiren drücken der Gesellschaft zunehmend ihren Stempel auf. Es ist traditionell üblich, dass junge Menschen zumindest eine Zeit lang ins Ausland ziehen, um dort zu studieren oder zu arbeiten. Von dort bringen sie oft andere gesellschaftliche Ansichten mit. Auch die Wiedergeburt des „keltischen Tigers“ hat den Wandel beschleunigt. Nach den Krisenjahren um 2010 ist Irland wieder auf Wachstumskurs. Viele US-amerikanische Datenunternehmen haben hier ihren Sitz. Arbeitskräfte aus anderen Ländern strömen auf die grüne Insel. Auch sie beschleunigen den Wandel, der sich ausgerechnet bei der christdemokratischen Regierungspartei Fine Gael manifestiert hat. Vor einem Jahr hob sie den bekennenden Homosexuellen Leo Varadker als Premierminister aufs Schild. „Er repräsentiert eine Partei im Umbruch innerhalb eines Irlands im Umbruch“, so der Politikanalyst Michael O'Regan von der Zeitung „Irish Times“.

Längst hat sich eine große Mehrheit der irischen Politiker an die Spitze dieser Bewegung gesetzt. Premierminister Varadkar brach auch bei der Abtreibungsfrage mit Traditionen, indem er das Referendum ansetzte, um das strenge Abtreibungsverbot auszuhebeln. Stattdessen favorisiert seine Regierung eine Fristenlösung: Bis zur zwölften Schwangerschaftswoche soll ein Abbruch grundsätzlich straffrei bleiben. In seiner Partei war das Vorhaben allerdings umstritten. Sie gab keine Wahlempfehlung ab, obwohl der Premier klar für das Referendum Position bezogen hat. Auch die rechtsliberale Oppositionspartei Fianna Fáil verzichtete auf eine Empfehlung. Dennoch dürften die Abgeordneten beider Parteien mit großer Mehrheit der Fristenlösung zustimmen. Die Grünen, Sozialdemokraten und Labour Party unterstützten die Streichung des Abtreibungsverbots ohnehin mit einer entsprechenden Wahlempfehlung. Die nationalistische Sinn Féin, einst politischer Arm der Terrororganisation IRA, drohte gar ihren Abgeordneten mit disziplinarischen Konsequenzen, wenn sie gegen die Einführung der Fristenlösung stimmen. Nach dem Votum von diesem Wochenende drängten Vertreter der „Yes“-Kampagne bereits darauf, die Neuregelung noch während der Sommerpause durchs Parlament zu bringen. Der Gesetzentwurf sieht überdies vor, dass bei einer Gefährdung der Mutter oder des Fötus ein Schwangerschaftsabbruch auch nach Ablauf der Zwölf-Wochen-Frist möglich ist. Ein entsprechendes Gesetz hat das Parlament bereits 2013 nach dem Todesfall einer schwangeren Frau beschlossen.

Diese letztlich erfolgreiche „Yes“-Kampagne wurde von einem breiten Bündnis getragen. Zahlreiche gesellschaftliche Kräfte setzten sich für die Freigabe der Abtreibung ein, unter anderem der Kongress der irischen Gewerkschaften, das Institut für Geburtshelfer und Gynäkologen sowie das Bündnis „Together for Yes“, ein Zusammenschluss unter anderem der irischen Gesellschaft für Familienplanung und der Union irischer Studenten. Die Liste der Nein-Befürworter nimmt sich dagegen bescheidener aus – mit einer Ausnahme: der katholischen Kirche, der in Irland nach wie vor rund 89 Prozent der Bevölkerung angehören. Doch der Einfluss der Kirche schwindet zusehends. Nicht zuletzt die zahlreichen Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen haben dieses Ur-Vertrauen der Iren in ihre Kirche bis in die Grundfesten erschüttert. Selbst christdemokratische Politiker gehen öffentlich auf Distanz. In Sachen Referendum hat die Kirche zwar eindeutig Position bezogen. Sie warnte vor einem „Dammbruch“ in Sachen Lebensschutz. Die Gesellschaft dürfe nicht akzeptieren, „dass ein Mensch das Recht habe, das Leben eines anderen zu beenden“, so der Vorsitzende der Bioethik-Kommission der Irischen Bischofskonferenz, Bischof Kevin Doran von Elphin, in einem Hirtenbrief an alle irischen Katholiken, der vor einigen Wochen veröffentlicht wurde. Doch Dana Scallon kritisiert eine ängstliche Zurückhaltung in den Äußerungen mancher Bischöfe. Diesen mangelnden Führungsanspruch sieht sie als eine der Ursachen für das Abstimmungsergebnis. Doch ein allzu demonstratives Auftreten des Klerus hätte wohl eher das Gegenteil bewirkt. Kurzum: Wie die Kirche sich auch derzeit präsentiert, macht sie es falsch. Die Iren folgen ihr mehrheitlich nicht mehr. Die Konsequenzen sind an diesem Wochenende nochmals deutlich geworden.