Impulse für den interreligiösen Dialog

Kardinal Rai berichtet dem Papst von seinem Riad-Besuch – Ergebnis des Treffens könnte ein Dialogzentrum sein

Beirut/Paris (DT/KAP/KNA/DPA) Die unierte maronitische Kirche, der Vatikan und die französische Regierung arbeiten an einer Lösung der Libanon-Krise. Der maronitische Patriarch Kardinal Bechara Boutros Rai traf gestern im Vatikan mit Papst Franziskus und der Kurie zusammen, um sich zu beraten. Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian wiederum spricht zur gleichen Zeit in Riad mit Ministerpräsident Saad Hariri über einen allseits gesichtswahrenden Weg nach seinem Rücktritt. Angedacht ist Berichten zufolge eine Ausreise Hariris nach Frankreich und ein dort erfolgender offizieller Rücktritt. Die für den christlich-islamischen Dialog überaus bedeutsame Kurzvisite von Kardinal Rai in Saudi-Arabien am Montag/Dienstag war von den Vorgängen rund um die „Flucht“ des libanesischen Ministerpräsidenten Hariri nach Riad überlagert gewesen.

Kardinal Rai war nach seinem aufsehenerregenden Saudi-Arabien-Besuch direkt nach Rom geflogen. Dort will er nun neben den außenpolitischen Aspekten dem Papst und den führenden Mitarbeitern der römischen Kurie die aus seiner Sicht für den christlich-islamischen Dialog bedeutsamen Informationen darlegen.

Im maronitischen Patriarchat wurde derweil bedauert, dass die Saudi-Arabien-Visite des Kardinals in der Öffentlichkeit ausschließlich in der Perspektive des angekündigten Rücktritts Hariris wahrgenommen wurde. Der Besuch Rais wird als „doppelt historisch“ betrachtet: Erstmals hat ein maronitischer Patriarch und ein römischer Kardinal das Königreich Saudi-Arabien besucht, dessen Herrscher sich als „Schutzherr der beiden heiligen Moscheen“ (in Mekka und Medina) betrachtet. Nach Angaben der saudischen Nachrichtenagentur SPA betonten der Kardinal-Patriarch und König Salman bei ihrer Begegnung am Dienstagmorgen übereinstimmend „die brüderlichen Beziehungen zwischen dem Königreich Saudi-Arabien und der Republik Libanon“, aber auch die Bedeutung der „verschiedenen Religionen und Kulturen, um die Versöhnung zu befördern und die Gewalt, den Extremismus und Terrorismus, zurückzuweisen“. Dies werde „zur Sicherheit und zum Frieden der Völker der Region und der ganzen Welt“ beitragen.

Der Kardinal-Patriarch erinnerte daran, dass es bereits sehr früh briefliche Beziehungen zwischen den saudischen Monarchen und den maronitischen Patriarchen gegeben habe, angefangen von Kardinal Antoine Boutros Arida (der von 1932 bis 1955 maronitischer Patriarch war). Rai betonte die Bedeutung des islamisch-christlichen Zusammenlebens und erinnerte an das Wort von Papst Johannes Paul II., dass der Libanon „ein kleines Land mit einer großen Botschaft“ sei.

Diese Botschaft finde ihren Ausdruck in einem religiösen und kulturellen „Pluralismus in der Einheit“, so der Kardinal-Patriarch. Der Libanon stelle ein Mosaik dar, aber nicht ein Gemisch. Dieses Modell bedeute den Reichtum und die Einzigartigkeit des Landes. In drei Jahren werde das 100-Jahr-Jubiläum des heutigen Libanon gefeiert, erinnerte Rai. Dieses Jubiläum bedeute, dass der Libanon immer ein Ort der Koexistenz von Christen und Muslimen bleiben müsse.

Libanesische Quellen reden von einem „konkreten Ergebnis“ des Besuches des maronitischen Patriarchen in Riad. Saudi-Arabien könnte sich unter dem neuen De-facto-Staatschef Kronprinz Mohammed bin Salman in Richtung toleranter Islam öffnen und als sichtbares Zeichen dafür ein Religionsdialog-Zentrum in einer restaurierten frühchristlichen Kirche eröffnen. Das berichten libanesische Medien und die Stiftung „Pro Oriente“ am Freitag.

Ein neues interreligiöses Dialogzentrum soll gegründet werden. Die Einrichtung, so libanesische Quellen, würde in der Ruine einer 900 Jahre alten Kirche auf saudischem Territorium untergebracht werden, die nach ihrer Ausgrabung vollständig restauriert werden müsste. Saudi-Arabien hat die Berichte über den Bau dieses Zentrums bisher nicht bestätigt. Doch in den saudischen Medien wurde umfassend über den Besuch des maronitischen Patriarchen berichtet und die Bereitschaft des Königreichs zum Dialog hervorgehoben.

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