Im neuen Machtpoker

Zentralafrika leidet zwischen Séléka-Rebellen, Regierung und Frankreichs Mission. Von Bodo Bost

Zunehmend auf Abstand zu seinen Séléka-Rebellen: Michel Djotodia. Foto: dpa
Zunehmend auf Abstand zu seinen Séléka-Rebellen: Michel Djotodia. Foto: dpa

„Sangaris“ heißt die französische Militärintervention in Zentralafrika, darin steckt das Wort „sang“, französisch für „Blut“. Tatsächlich begann die Ankunft des französischen Kontingents in Zentralafrika Anfang Dezember mit dem Blut von 400 Opfern interreligiöser Gewalt. Die Zeit zwischen dem UN-Beschluss und der Ankunft der Soldaten hatten viele Rebellen zur Begleichung alter Rechnungen genutzt. Auch nach der Ankunft der Franzosen gingen in einigen Stadtvierteln die Gefechte weiter. Frankreichs Präsident Hollande erklärte in einer Stellungnahme, dass das Ziel der 1 600 Soldaten der Mission „Sangaris“ die Entwaffnung aller Gruppen und Milizen sei, die das Land terrorisierten. Von einer Begrenzung auf sechs Monate, wie vor Beginn der Mission, war keine Rede mehr. Vielmehr versprach Hollande, dass die Soldaten so lange wie nötig im Lande bleiben würden, mindestens aber bis zur Abhaltung von freien Wahlen. Auch die seit fast einem Jahr in Bangui stationierten Soldaten der pan-afrikanischen Sicherheitstruppen der „Internationalen Mission zur Unterstützung Zentralafrikas“ (MISCA) wurden bereits auf fast 6 000 Mann aufgestockt.

Frankreich hatte vor einem Völkermord und einem „absoluten Chaos“ in der Zentralafrikanischen Republik gewarnt. Es ist bereits das zweite Mal in diesem Jahr, dass das Land Truppen in eine seiner ehemaligen Kolonien entsendet: Seit Januar ist französisches Militär bereits im westafrikanischen Mali gegen islamistische Rebellen im Einsatz. Anders als in Mali gibt es jedoch in Zentralafrika keine Regierung, mit der die Franzosen zusammenarbeiten könnten, weil ein Machtkampf im Lande selbst noch unentschieden ist; die Zunahme der Rebellenbewegungen ist sicher auch eine Spätfolge des Zusammenbruchs des Gaddafi-Regimes in Libyen und der Plünderung seiner Waffenkammern durch seine schwarzafrikanischen Söldner.

Im März hatte ein Bündnis vorwiegend muslimischer Rebellengruppen mit dem Namen Séléka Präsident François Bozizé gestürzt. Sie begründeten den Putsch damit, dass Bozizé eine im Januar geschlossene Friedensvereinbarung nicht eingehalten habe. Ihr Anführer, Michel Djotodia, ernannte sich zum neuen Staatschef. In den vergangenen Monaten distanzierte er sich zunehmend von der Gewalt der Rebellen.

Den neuen Machthabern, die vom Tschad und Sudan unterstützt werden, werfen Menschenrechtsorganisationen Ermordungen, Plünderungen, Vergewaltigungen und die Rekrutierung von Kindersoldaten vor. Eine halbe Million der insgesamt 4,6 Millionen Einwohner Zentralafrikas sind auf der Flucht. Humanitäre Organisationen schätzen, dass 1,5 Millionen Nothilfe brauchen, weil sie von rund 15 000 meist muslimischen Rebellen der Séléka auf Geheiß rivalisierender Warlords terrorisiert werden. In dem katholisch geprägten Land machen die Muslime nur rund 10 Prozent der Bevölkerung aus.

Doch Opfer der Séléka-Gewalt sind fast immer Christen und Anhänger von Naturreligionen. Die Angehörigen der christlichen Bevölkerungsmehrheit, die etwa 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen, haben sich ihrerseits zu Verteidigungsgruppen gegen die Séléka-Rebellen zusammengeschlossen. Das Zentrum des aktuellen Konfliktes ist die Region um die Stadt Bossangoa im Nordwesten der Republik, in die Anhänger von Expräsident Bozizé eingefallen sind und die dort ansässigen Muslime attackierten, was die Séléka wiederum mit Vergeltungsmaßnahmen gegen Christen beantwortete.

Der eigentliche mächtige Mann der Rebellion ist General Noureddine Adam. Er erhielt nach dem Putsch das Ministerium für öffentliche Sicherheit und Immigration, das einzige Ministerium, das im März nicht geplündert wurde. General Adam gilt als Rivale Djotodias. Der ehemalige Profiboxer, Sohn des Imams Birima Adam von Bangui, hat in Kairo studiert und viele Jahre danach im Exil in Dubai und Israel verbracht. Der Bruder von Noureddine Adam, Ahmat Adam, ist der Sprecher des Imams der Zentralmoschee von Bangui. Rund um die Moschee haben sich die Familien der Séléka niedergelassen. Birima Adam, das Oberhaupt der Sippe, spielt im neuen Machtpoker eine wichtige Rolle. Für viele Séléka-Kämpfer und Offiziere ist der Imam eine Vaterfigur. Der Adam-Clan ist groß im Diamantengeschäft. Mit dem Verkauf von Rohdiamanten aus Zentralafrika hat die Séléka den Aufstand finanziert.

Nach den ständigen Übergriffen der Séléka wurde Noureddine Adam im August als Polizeichef abgesetzt und durch den ehemaligen Pastor Josué Binoua, einem ehemaligen Minister unter Bozizé, abgelöst. Adam wurde aber nicht entmachtet, er erhielt ein anderes Staatsministerium und soll immer noch ein geheimes Folterzentrum in Bangui leiten. Das zeigt, wie tief die Séléka weiterhin mit dem Establishment der Djotodia-Regierung verbandelt ist.

Wichtigster Gegenspieler von Noureddine Adam ist Premierminister Nicolas Tiangaye, den Djotodia von seinem Vorgänger Bozizé übernommen hat. Er hatte als erster zugegeben, dass es im Land zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gekommen ist. Tiangaye, der sich als Menschenrechtsanwalt und einer der wenigen integren politischen Akteure des Landes einen Namen gemacht hat, war im Januar 2013 nach dem in Libreville (Gabun) geschlossenen kurzlebigen Friedensabkommen zwischen Präsident Bozizé und der Séléka zum Regierungschef ernannt worden. Präsident Djotodia, dessen Mutter Christin ist, gibt mittlerweile zu, dass ihm die Führung der Séléka-Rebellion entglitt: Deshalb hatte er am 14. September die Auflösung der Séléka angeordnet.

Die Zentralafrikanische Republik ist eines der ärmsten Länder der Welt. Auf der Rangliste des Human Development Index 2012 steht es auf Platz 180 von insgesamt 186 Ländern. Es ist von Staaten umgeben (Demokratische Republik Kongo, Tschad, Sudan und Uganda), in denen die Lage ohnehin schon angespannt ist. „Sangaris“ könnte sehr schnell zu einem Kriegseinsatz werden, wenn sie die Wurzeln der Gewalt in Zentralafrika ausrotten möchte.