Im Fadenkreuz der Gotteskrieger

Spirituelle Unterschiede: Im Sufismus erkennt der sunnitisch-islamische Terrorismus einen Feind – Von Michaela Koller

Rumi lebt und tanzt im Herzen der Türkei
Getanzte Mystik: Die sich drehenden Derwische stehen in dem lebendigen Strom der Sufi-Tradition. Foto: dpa
Rumi lebt und tanzt im Herzen der Türkei
Getanzte Mystik: Die sich drehenden Derwische stehen in dem lebendigen Strom der Sufi-Tradition. Foto: dpa

Der Anschlag auf die Al Rawdah-Moschee westlich der Stadt Al Arish im Norden der Sinai-Halbinsel ist ein besonders brutales Zeugnis eines globalen Kampfes des sunnitisch-islamischen Terrorismus gegen den Sufismus. In Ägypten erfreut sich diese mystische Ausprägung des Islam traditionell regen Zulaufs, denn es sind immerhin mehrere Dutzend Sufi-Orden im Land am Nil anerkannt. Wieso ist der Sufismus in das Fadenkreuz der Gotteskrieger gerückt?

Sie beeinflussen den Volksislam jedoch unter den wachsamen Augen des Staates, der sie im „Höchsten Rat der Sufi-Orden“ vereint. Muslime, die ihre Zentren und Stätten besuchen, werden in westlichen Medien gerne als „liberale“ Muslime kategorisiert, wenn sie ihnen überhaupt Beachtung schenken. Ein Dialog von Christen mit ihnen ist bislang praktisch nicht institutionalisiert. Am ehesten sind im Westen noch die tanzenden Derwische des Mevlevi-Ordens des Mystikers Maulana Rumi (1207 bis 1273) bekannt. Der türkische Staat profitiert vom touristischen Boom um Konya, wo Rumis Grabstätte steht, erkennt aber Sufi-Bruderschaften nicht offiziell an. Im wahabitischen Saudi-Arabien ist dieser mystische Zugang verboten und auch die schiitische Theokratie im Iran geht gegen den Sufismus und seine Anhänger vor.

Eine andere spirituelle Praxis

Sufismus, der sich auf Arabisch Tasawwuf nennt, unterscheidet sich vom orthodoxen Islam durch seine spirituelle Praxis und letztlich auch durch sein Gottesbild. Kontemplation und Entsagung von weltlichen Dingen sind dabei Wege, auf denen seine Anhänger die Nähe zu dem sonst so fernen Gott zu erreichen suchen. Das spirituelle Lernen, als Weg oder Regel einer Bruderschaft, wird als Tariqa bezeichnet. In der Geschichte seiner weltweiten Ausbreitung zeigte der Sufismus eine Anpassungsfähigkeit an örtliche Kulturen und wurde zum festen Bestandteil des Volksglaubens, Inspiration für Kunst und Literatur sowie zur Brücke zu anderen Bekenntnissen. Als eine uneinheitliche Bewegung unterschied sich der Sufi-Islam nicht klar zwischen sunnitischen und schiitischen Traditionen.

Die Sufi-Spiritualität gilt als Götzendienst: Vorbilder im Sufi-Islam werden wie Heilige verehrt. So wurden deren Grabstätten zu Pilgerzielen. Diese Verehrung brandmarken islamistische Gruppen oder Herrscher als Götzendienst und so geraten auch die Stätten in ihr Fadenkreuz. Als Islamisten im Juni und Juli 2012 zum Weltkulturerbe der Unesco zählende Stätten im malischen Timbuktu, der „Stadt der 333 Heiligen“, zerstörten, war dies ein Tiefpunkt in der Geschichte des Sufismus: Es handelte sich um Grabstätten von Gelehrten, die als Schutzheilige vor Familienfesten oder in Nöten angerufen wurden.

Kein säkularer Ansatz

Die reale Glaubenspraxis der Sufi-Anhänger entspricht offensichtlich nicht der verbreiteten Interpretation eines „liberalen“ Islam im Sinne von „säkular“. Auch treten Sufi-Anhänger in Ägypten nicht mit politischen Forderungen als „liberal“ auf, indem sie etwa eine Trennung von Staat und Religion forderten. Vielmehr sind sie dort und derzeit ausgesprochen unpolitisch, was in der Geschichte des Sufismus nicht immer so war: Der Mahdi-Aufstand von 1881 bis 1899 gegen die ägyptische Herrschaft in den Sudan-Provinzen war die erste erfolgreiche anti-koloniale Erhebung. Der Anführer, Muhammad Achmad, entstammte einem Sufi-Orden. Auch der Ägypter Hassan al-Banna, der Begründer der Muslimbruderschaft, „hatte vieles in seiner Organisation aus seiner Sufi-Herkunft gelernt“, wie Annemarie Schimmel in ihrem Werk über Sufismus schrieb.

Die 2003 verstorbene Islamwissenschaftlerin war selbst von der islamischen Mystik spirituell beeinflusst und bezeichnete Pakistan als ihre zweite Heimat, wo diese islamische Glaubenspraxis sehr weit verbreitet ist. Jedoch erstarkt gerade dort der wahabitische Islam durch den finanziellen und ideologischen Einfluss Saudi-Arabiens. In dieser Situation verfolgen islamistische Terroristen eine Strategie, bei der die Sufi-Stätten besonders ins Visier geraten. Der Sufi-Schrein Lal Schahbaz Qalandar in der Stadt Sehwan in der südlichen Provinz Sindh, etwa 200 Kilometer nordöstlich der Provinzhauptstadt Karatschi, wurde dieses Jahr am 16. Februar zum Ziel eines Anschlags, zu dem sich die Terrororganisation „Islamischer Staat“ bekannte.

Ein Attentäter war mit einer Sprengstoffweste unter die Gläubigen getreten, als diese gerade den mystischen Tanz Dhamal praktizierten. Bis zu 250 Menschen wurden verletzt, mehr als 80 der dort Versammelten starben. Die Stätte ist nach dem Sufi-Meister Lal Schahbaz Qalandar benannt, dessen Grab sich dort befindet. Obwohl sich in Südasien in den letzten Jahren häufiger Attentate auf Sufistätten ereigneten, wird darüber in den westlichen Medien wenig berichtet.

Anschläge waren Strafaktionen

Beobachter halten die islamistischen Anschläge auf Sufi-Stätten, ob in Afrika oder Asien, für eine Bestrafung der Anhänger und eine „Säuberung“ zur Vereinheitlichung. Zugleich unterminieren diese blutigen Angriffe jedoch auch die Macht der Herrschenden, die so ihrer ureigensten Aufgabe, für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen, immer schwieriger nachkommen können.