Im Blickpunkt: Zwischen allen Stühlen

Von Stefan Rehder

Was nun wirklich für eine begründete Organentnahme spricht, bleibt auch weiterhin offen. Foto: dpa
Was nun wirklich für eine begründete Organentnahme spricht, bleibt auch weiterhin offen. Foto: dpa

Zwischen allen Stühlen sitzt es sich nur selten bequem. Und zwischen den Lagern von Befürwortern und Gegnern der Hirntod-Theorie gibt es vermutlich keinen unbequemeren Platz, als den, welchen die Deutschen Bischöfe mit ihrer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme „Hirntod und Organspende“ (DT vom 30. Juli) nun für sich reklamiert haben. Das verdient Respekt. Auch von denen, die ihrer Argumentation nicht in allen Punkten folgen können.

So fordern die Bischöfe nicht nur eine „umfassende Aufklärung“ potenzieller Organspender und ihrer Angehörigen, bei der „alle Phasen der medizinischen Behandlung bis zur Explantation der Organe und der abschließenden Versorgung des Leichnams zur Sprache“ gebracht werden, „sodass tatsächlich die ,ganze Geschichte‘ der Organspende bis zu ihrem Ende erzählt wird“. Sie raten auch die Abkehr von der jetzigen „erweiterten“ und die Rückkehr zu einer „engen Zustimmungslösung“ an. Die Explantation von Organen solle im Normalfall, wie bei anderen medizinischen Interventionen auch, „an die ausdrückliche Zustimmung des Spenders gebunden“ und nicht – wie derzeit – regelmäßig auch nach Einwilligung der Angehörigen möglich sein. Ausdrücklich betonen die Bischöfe, dass es weder „eine rechtliche noch eine moralische Pflicht zur Organspende“ gibt.

Damit nicht genug: Obwohl die Bischöfe daran festhalten, dass der Ganzhirntod ein „zuverlässiges Kriterium“ sei, mit dem sich feststellen lasse, dass bei einem künstlich beatmeten Menschen der Tod bereits eingetreten sei, räumen sie doch ein, dass alle „einschlägigen Einwände sehr ernst“ genommen werden müssten und dazu nötigten, „die bisherigen Argumente zu überdenken“. Mehr noch: Die Bischöfe gestehen zu, „die generalisierte Behauptung“, dass der „endgültige Ausfall der Hirnfunktion (...) in engstem zeitlichen Zusammenhang mit dem Herz- und Atemstillstand ein[tritt]“, dürfte „falsch sein“. Auch müsse davon ausgegangen werden, dass das zentrale Nervensystem „keineswegs die einzige Steuerungs- und Integrationsinstanz darstellt, so dass es auch nach dem Organtod des Gehirns auf unterschiedlichen biologischen Ebenen zu weitaus komplexeren Koordinations- und Stabilitätsprozessen kommen kann, als bislang von den Anhängern des Hirntod-Kriteriums angenommen worden ist“. Und sie halten fest: „Welche anthropologischen und ethischen Konsequenzen daraus zu ziehen sind“, bedürfe der „weiteren Analyse“. Das ist weniger, als sich überzeugte Gegner der Hirntod-Theorie wünschen und reicht doch weiter, als überzeugte Befürworter der Hirntod-Theorie einzuräumen bereit sind. Noch bedauerlicher für beide Seiten dürfte sein, dass die Bischöfe die Frage ausgespart haben, ob die Hirntod-Diagnostik auch tatsächlich in der Lage ist, das zu diagnostizieren, was sie vorgibt: Nämlich den irreversiblen Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen.