Im Blickpunkt: Generation Bundesrepublik

Von Sebastian Sasse

Seit Sonntag ist Peter Kohlgraf neuer Bischof in Mainz. Mit seinem Vorgänger Kardinal Karl Lehmann ist damit endgültig eine Bischofsgeneration in den Ruhestand getreten, die über Jahrzehnte das Bild der Kirche in Deutschland geprägt hat. Auch der kürzlich verstorbene Kardinal Joachim Meisner gehörte zu diesen Jahrgängen. Bei allen Unterschieden in kirchenpolitischen Situationen – Lehmann wie Meisner verband das Selbstverständnis, dass es zu ihren Aufgaben als Bischof gehört, sich auch zu gesellschaftlichen Entwicklungen zu äußern. Prononciert und kraftvoll, so dass ihre Stimme auch außerhalb des Milieus gehört wurde. Sie gaben so der Kirche in der Öffentlichkeit eine Stimme. Geprägt war diese Bischofsgeneration durch die Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit und Jugend machen mussten: Krieg und ein totalitäres Regime lehrten sie, dass es nicht selbstverständlich ist, in einer demokratischen Gesellschaft und einem freiheitlichen Rechtsstaat seinen Glauben frei leben zu können. Bei Meisner kam noch die Konfrontation mit der zweiten deutschen Diktatur hinzu, dem SED-Unrechtsregime.

Alles dies machte diese Bischöfe zur „Generation Bundesrepublik“. Sie verstanden die deutsche Nachkriegsdemokratie als etwas, das es gegen Gegner zu verteidigen galt. Sie zeigten die praktische Relevanz des berühmten Böckenförde-Diktums: Sie wussten, dass die Menschenwürde zu den Grundlagen des säkularen Staates gehört, aber letztlich auf der christlichen Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen beruht. Sie stellten diesen Zusammenhang heraus, immer dann, wenn diese Menschenwürde, die von der Zeugung bis zum Tod gilt, in Abrede gestellt wurde. Das mag mitunter auch ihre rhetorische Schärfe erklären. Schließlich, das darf auch nicht vergessen werden, standen diesen Bischöfen Gläubige gegenüber, die ähnliche biografische Erfahrungen gemacht hatten. Sie gehörten alle zur skeptischen Generation, die ein sensibles Gespür für totalitäre Bedrohungen hatte.

Die neue Bischofsgeneration hat einen anderen Stil. Wie sollte es auch anders sein, ist sie doch durch ganz andere biografische Erfahrungen geprägt worden. Gleichwohl kann sie von ihren Vorgängern lernen. Was selbstverständlich erscheint, ist nicht automatisch für immer sicher. Auch künftig braucht die demokratische Gesellschaft Fürsprecher, die auf die naturrechtlichen Grundlagen unseres Gemeinwesens hinweisen.

Wie die Vertreter der neuen Generation dieses Erbe antreten, ob mit nachdenklichen Tönen oder mitunter auch mit rhetorischem Verve, ist letztlich eine Stil- und Geschmacksfrage, die jeder für sich entscheiden muss. Wichtig ist nur, dass sie dieses Erbe antritt.