Ikone des Friedens

Mit dem Tod des 75-jährigen tschechischen Alt-Präsidenten Václav Havel verstirbt eine Schlüsselfigur im Kampf gegen Kommunismus und Eisernen Vorhang. Von Stefan Meetschen

Václav Havel (Mitte, hier an der Berliner Mauer im Jahr 1990) war maßgeblich am friedlichen Fall des Eisernen Vorhangs beteiligt. Altkanzler Helmut Kohl würdigte Havel als „großen Mann“, ohne den „die Freiheit nicht möglich gewesen“ wäre. Foto: dpa
Václav Havel (Mitte, hier an der Berliner Mauer im Jahr 1990) war maßgeblich am friedlichen Fall des Eisernen Vorhangs b... Foto: dpa

Im Mittelpunkt des Stückes steht Doktor Wilhelm Rieger. Soeben ist er nach langer Regierungszeit als Kanzler abgewählt worden, doch er würde gerne in der bequemen Dienstvilla bleiben, an die er sich im Laufe der Jahre so sehr gewöhnt hat. Sein Nachfolger und Rivale Sieghart Klein aber heckt einen anderen Plan aus: Rieger soll in ein abgelegenes Dorf verbannt werden. Klein selbst will aus der Villa ein Zentrum für die Öffentlichkeit machen. Mit besonderem Service: Am Abend wird das Zentrum zum Bordell.

Obwohl der am Sonntag im Alter von 75 Jahren verstorbene Václav Havel stets behauptet hat, dass sein letztes, 2008 uraufgeführtes Theaterstück „Der Abgang“ („Odcházeni“) nichts mit seiner Person zu tun habe, wusste bald nach der Premiere natürlich jeder Tscheche um die autobiographischen Bezüge des Schauspiels. Zu öffentlich, zu bekannt ist schließlich das Leben des früheren Taxifahrers, Bühnenarbeiters, Dramatikers, Dissidenten und Staatspräsidenten, als dass es in dem solide gebauten Fünfakter mit dem für sein dramatisches Werk typisch absurden Inhalt („Das Gartenfest“, „Die Benachrichtigung“) nicht hätte durchschimmern können.

Havel hatte im Ausland den Rang eines Mythos inne

Ein Leben mit vielen Rollen, das Havel auch im Ausland längst den Rang eines Mythos, einer Friedens-Ikone, einer überzeitlichen Symbolgestalt verliehen hatte: Angesiedelt irgendwo zwischen Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und Dag Hammarskjold. In Sphären also, wo die an sich getrennten Bereiche von Literatur, Politik und Moral zu verschmelzen scheinen. Die Person zu einem Träger von Hoffnung, Wahrheit und Sinn wird. Durch ihr vorbildliches Leben oder das, was man davon in der Öffentlichkeit weiß, eine geradezu religiöse Verehrung auslöst.

Dabei ist Havel, der als Mitgründer der tschechoslowakischen Untergrundinitiative für Menschen- und Bürgerrechte „Charta 77“ dreimal verhaftet wurde und insgesamt fast fünf Jahre im Gefängnis saß, bevor ihn die „Samtene Revolution“ 1989 überraschend und auf demokratischem Wege an die Spitze des Staates, auf die Prager Burg („Havel na hrad“, „Havel auf die Burg“) brachte, stets auf ehrliche Weise ein religiöser Hoffnungs-, Wahrheits- und Sinnsucher gewesen.

Wovon vor allem die zwischen 1979 und 1982 im Gefängnis geschriebenen „Briefe an Olga“, seine 1996 verstorbene erste Frau, ein beredtes Zeugnis geben. In dieser Zeit lernte Havel, der als Kind einer bekannten Großbürgerfamilie am 5. Oktober 1936 in Prag zur Welt gekommen war, den jetzigen Prager Erzbischof, böhmischen Primas und Dominikanerpater Dominik Duka kennen, der 1981 zur selben Zeit wie Havel im Gefängnis von Bory in Pilsen inhaftiert war. Beide Männer freundeten sich an und tauschten sich regelmäßig über menschliche, gesellschaftliche und religiöse Fragen aus. Nicht nur hinter Gittern, sondern bis zuletzt, woran Duka jetzt in seiner Stellungnahme zum Tode Havels erinnerte. So soll es laut Duka Mitte November am Rande einer Fernsehaufzeichnung des öffentlich-rechtlichen Senders CT1 zu einer kurzen, intensiven Begegnung zwischen dem Dominikaner und dem berühmten Schriftsteller-Präsidenten gekommen sein, bei welcher Havel gestanden habe: „Mir ist nicht wohl, aber wir wissen, dass Er ist.“

So schön und glaubhaft diese Anekdote ist, es wäre dennoch falsch, Havel, der auch zu Papst Johannes Paul II. in engem Kontakt stand, als überzeugten Katholiken in Erinnerung zu behalten. So ließ sich sein persönliches Gottesbild zum Beispiel auch problemlos mit den spirituellen Ansichten des Dalai Lama verbinden, mit dem Havel, sichtlich geschwächt durch langjährige Lungenbeschwerden, erst vor einer Woche in Prag einen „Aufruf für die Freiheit der Völker der Welt“ unterzeichnete. Es war wohl die Einsicht in die – trotz aller Verehrung – eigene menschliche und politische Begrenztheit, die Havel im Laufe seines Lebens dazu führte, dass es „etwas über uns“ geben müsse, wie er sich in seiner Spätphase als Präsident 2003 ausdrückte, eine transzendentale Kraft.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Havels Image in der Heimat durch einige innenpolitische und persönliche Ungeschicklichkeiten bereits Risse erhalten. Das Auseinanderbrechen der Tschechoslowakei hat Havel nicht verhindern können, die raue Rivalität der Parteien im Land ebenso wenig. Auch hat man es in Tschechien dem Mann mit der moralischen Autorität und den vielen Rollen nie richtig verziehen, dass er bereits kurz nach dem Tod seiner ersten Frau Olga 1996 die 17 Jahre jüngere B-Movie-Schauspielerin Dagmar Veškrnová heiratete, die mit ihren kurzen Röcken und extravaganten Auftritten dem früheren politischen Freiheitskämpfer eine allzu große Dosis Jet-Set-Flair verpasste. Offen bekannte Havel damals, das ihm sein politisches Amt zwar nicht durchgehend Spaß mache, er aber, man betrachte die Parallele zum Stück „Der Abgang“, die damit verbundenen Privilegien („Chauffeure, Sekretäre, Köche“) zu genießen wisse.

Die hohen humanen Ansprüche, wie Havel sie im Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (1978) formuliert hatte, schienen damals ausgerechnet an der demokratisch gewonnenen Freiheit zu zerschellen, das Leben selbst sich in ein absurdes Theater zu verwandeln. Der heutige Präsident Václav Klaus, bis heute kein großer Freund des Verstorbenen und auf der Bühne mit der Figur des Sieghart Klein kaum maskiert, verhöhnte Havel damals als weltfremdes „Kasperl“.

Doch letztendlich wusste und weiß man in Tschechien, dass man mit Havel einen modernen Nationalhelden besitzt, wie er so bald wohl nicht mehr auf der politischen Realbühne erscheinen wird. Zumal Havel nicht nur erfolgreich dem Kommunismus trotzte, sondern das Land auch konsequent in die Europäische Union und die NATO führte.

In Deutschland erinnert man sich besonders daran, dass Havel, der mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert wurde und zahlreiche Orden und Ehrungen auf der ganzen Welt empfangen hat, bereits Anfang der 1990er Jahre eine Aussöhnung mit den deutschen Nachkriegsvertriebenen suchte. Dass er dabei so weit ging, die Rechtmäßigkeit der Benes-Dekrete anzuzweifeln, die nach dem 2. Weltkrieg die Grundlage für die Vertreibung der Sudetendeutschen bildeten, nahmen ihm die eigenen Landsleute allerdings übel. Der Sieg der Wahrheit und die Liebe über Lüge und Hass, den Havel auf dem Balkon eines Hotels der Menge auf dem Prager Wenzelsplatz 1989 verkündet hatte, schien zu zerbröckeln, sich an engem Nationalismus aufzureiben. Es ist nicht geschehen.

Genau dort, auf dem Wenzelsplatz, versammelten sich am Sonntagabend zahlreiche Menschen zu spontanen Trauerkundgebungen für den verstorbenen Alt-Präsidenten, der die letzten Jahre zurückgezogen in seinem Haus in einem abgelegenen Dorf rund 150 Kilometer von Prag entfernt, verbracht hatte. Sie legten an Schauplätzen der Wende von 1989 Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Erzbischof Duka läutete eigenhändig die Domglocke des Veitsdoms, woraufhin die Glocken aller Kirchen und Kapellen im ganzen Land erklangen. Volkstrauer. Weit über die Grenzen des Landes hinaus. Aus aller Welt meldeten sich Politiker und Größen der Wende von 1989 zu Wort, um Havels menschliche und politische Verdienste zu würdigen. Altbundeskanzler Helmut Kohl beispielsweise, mit dem Havel damals eng zusammenarbeitete, nannte den früheren Dissidenten einen „großen Mann“, ohne den „die Freiheit nicht möglich gewesen“ wäre. Die schönsten Worte zum Abschied stammen aber von Havel selbst. Der Wahrheitssucher, der sich als Dramatiker so oft über sprachliche Phrasen lustig machte, hat uns vielleicht die ultimative Definition des Wortes Hoffnung hinterlassen. Nämlich: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Eine weite, das Religiöse nicht ausschließende Perspektive. Gerade in Zeiten, wo auch in Europa Präsidenten ihr moralisches Handeln selbstbezogen rechtfertigen, eine leuchtende Mahnung, nicht zu bequem zu werden.