Hochbrisante Lage in Pakistan

Die christliche Minderheit könnte zum Sündenbock für das militärische Eingreifen der Amerikaner gemacht werden

Pakistans neuer Staatspräsident Asif Zardari, der Witwer der ermordeten früheren Regierungschefin Benazir Bhutto, hat in der vergangenen Woche vor dem Parlament in Islamabad seinen Amtseid abgelegt. Die Zeremonie war von drei großen Problemkreisen überschattet, die das Land belasten: Die Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise, der Krieg gegen die pakistanischen Taliban in den Stammesgebieten im Nordwesten kommt nicht voran und schließlich ist da noch der schlechte Ruf des neuen Präsidenten, in den er während seiner Jahre als „Prinzgemahl“ geriet. „Mister 10 per cent“, nannte man ihn damals, weil er an der Mehrung seines Privatvermögens mehr interessiert zu sein schien als am Wohl des Staates. Vor allem in der britischen Presse taucht deshalb nun die Frage auf, ob Zardari eine Chance von wenigstens zehn Prozent habe, Pakistan erfolgreich zu führen. Er braucht die Hilfe des Westens und er muss sie auch erhalten, denn in Pakistan steht weltpolitisch viel auf dem Spiel.

Zardari ist das verfassungsgemäß gewählte Staatsoberhaupt eines Landes mit 165 Millionen Einwohnern. Man sollte ihm einen Vertrauensvorschuss gewähren. Im Gegenzug muss er zeigen, dass ihm das Staatsinteresse am Herzen liegt. Die Pessimisten sagen ihm eine kurze und chaotische Amtszeit voraus, der bald von einem entschlossen auftretenden General ein Ende bereitet werden wird. Die Bevölkerung ist vor allem über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes empört. Es geht um hohe Preissteigerungen, vor allem für Lebensmittel, um die häufige Abschaltung der Stromversorgung, weil das Geld zur Einfuhr von Öl zum Betrieb der Kraftwerke fehlt. Beide Probleme sind lösbar, erfordern aber vor allem Finanzdisziplin. Eine Vermehrung der Geldmenge „mit der Druckerpresse“ würde nur die ohnehin hohe Inflation beschleunigen und zum Verfall der Währung führen. Angeblich arbeitet die pakistanische Regierung bereits an einem „Stabilisierungsprogramm“, das davon ausgeht, dass es von Amerika mit 15 Milliarden Dollar bezuschusst wird. Die Vereinigten Staaten waren seit dem 11. September 2001 gegenüber Pakistan finanziell großzügig. Doch das meiste Geld ging an die Armee und wurde nicht zur Armutsbekämpfung verwendet, die so notwendig ist, um nicht dem Islamismus in einer Not leidenden Bevölkerung den Boden zu bereiten.

Der ständig zunehmende Strom von Taliban-Kämpfern aus den pakistanischen Nordwestprovinzen nach Afghanistan hat die amerikanische Regierung zu einer Reaktion veranlasst. Schon wenige Tage nach Zardaris Amtsantritt haben die Amerikaner ferngesteuerte Raketen auf pakistanisches Gebiet abgefeuert und dort auch Spezialtruppen am Boden eingesetzt. Washington dementiert den Gebrauch von Kampfhubschraubern. Andererseits gibt es Meldungen, wonach pakistanische Truppen amerikanische Hubschrauber, deren Einsatzzweck unklar blieb, beschossen und sie zur Rückkehr nach Afghanistan zwangen.

Amerikanische Militäreinsätze auf pakistanischem Boden stoßen bei der Regierung in Islamabad auf Widerstand, denn sie führen Pakistan der Welt als ein Land vor, das zu schwach sei, sein eigenes Staatsgebiet unter Kontrolle zu halten. Durch die amerikanischen Angriffe gab es Tote und Verwundete – auch unter der Zivilbevölkerung. Dies heizt eine antiamerikanische Stimmung im Lande an.

Diese Situation ist keine Überraschung, denn die Provinzen im Nordwesten – mit deren Stämmen einst auch das Britische Weltreich nicht fertig wurde – werden praktisch von Al-Qaida und einheimischen Separatisten kontrolliert, denen Pakistan nicht islamisch genug ist. Washington gab deshalb Islamabad seit Längerem Signale, dass dort gegebenenfalls amerikanische Elitesoldaten der Anti-Terror-Koalition in Afghanistan für Ruhe und Ordnung sorgen müssten. Der zurückgetretene Präsident Musharraf sprach sich wegen der Wahrung der pakistanischen Souveränität gegen solche Einsätze aus. Er wagte damit eine Verschlechterung seiner Beziehungen zum Weißen Haus und zu Afghanistan, was ihm möglicherweise letztlich sein Präsidentenamt gekostet hat.

Kürzlich meldete die britische BBC, der neue Staatschef Zardari habe – allerdings in auslegungsbedürftigen Worten – sein Einverständnis mit einem Engagement amerikanischer Truppen im pakistanischen Krisengebiet gegeben. „Andernfalls verliert die Welt den Krieg gegen den militanten Islam“, zitiert ihn der Londoner Sender. Nicht alle Mächtigen im Lande teilen diesen möglichen Auffassungswechsel an der Staatsspitze. Armeechef Ashfaq Pervez beispielsweise wies die Vereinigten Staaten warnend darauf hin, dass militärische Operationen der Amerikaner auf pakistanischem Territorium unzulässig seien. Er fügte hinzu, Pakistan sei bereit, seine Souveränität „um jeden Preis zu verteidigen“.

Erhöhte Gefahr für die christliche Minderheit

Juristisch kann ein Land auf die Ausübung seiner Hoheitsgewalt in einem Teil seines Staatsgebiets verzichten. Es kann dies ausdrücklich erklären oder aber faktisch dulden, wofür allerdings ein Mindestmaß an Freiwilligkeit Voraussetzung ist. Nach amerikanischen Militär- und Geheimdienstberichten trifft Islamabad in den nordwestlichen Stammesgebieten deshalb keine radikalen Maßnahmen im Kampf gegen die Taliban und Al-Qaida, weil es durch eine „kontrollierte Unterstützung“ der lokalen (also pakistanischen) Taliban-Leute eine gewisse Stabilität in den von der Regierung kaum kontrollierten Provinzen herstellen will.

Unterdessen kam es in Nordwest-Pakistan auch zu Übergriffen gegen religiöse Minderheiten – gegen Hindus und nicht zuletzt gegen Christen. Der Nationalrat der Kirchen Pakistans, dessen Mitglieder zwei bis drei Prozent der ansonsten weitgehend sunnitisch-islamischen Bevölkerung repräsentieren, befürchtet eine Zunahme der Gewalt gegen einheimische Christen, weil sie zum Sündenbock für das militärische Eingreifen Amerikas im Lande gemacht werden könnten. Von katholischer Seite forderte der Erzbischof von Lahore, Lawrence John Saldanha, als Vorsitzender der Pakistanischen Bischofskonferenz in einem Schreiben an den neuen Staatschef die Garantie der Bürgerrechte für Christen.