Heiter bis staatstragend

Der Bundespräsident hat beim Katholikentag begeistert – Seine Mischung aus Bodenständigkeit, Sachverstand und Eine-Welt-Rhetorik fand ein dankbares Publikum

Es war sein erster Auftritt, seit er bekanntgegeben hatte, nochmals kandidieren zu wollen. Hätte das Volk, wenigstens der Teil, der sich auf dem Katholikentag befand, die Möglichkeit, den Bundespräsidenten per Akklamation zu wählen, Horst Köhler müsste aus dem Schloss Bellevue nicht vor 2014 ausziehen. Schon als die Bekanntgabe seiner Kandidatur am Donnerstag über die Bildschirme flimmerte, hatte es auf dem Christentreffen spontanen Applaus gegeben.

Gleich zu Beginn stehende Ovationen

Dass sein erster Auftritt seit Donnerstag von den politischen Beobachtern des Landes mit Argusaugen betrachtet werden würde, das wusste natürlich auch Köhler. Es kam ihm deshalb sicher nicht ungelegen – zwei Tage vor der Nominierung Gesine Schwans als Gegenkandidatin durch das Präsidium der SPD – vor einem ihm so wohlgesonnenen Publikum zu einem derart präsidialen Thema sprechen zu dürfen: „Damit die Zukunft demokratisch bleibt“. Der Europasaal in der Osnabrücker Stadthalle war bis auf den letzten Platz gefüllt. Über eine Stunde vorher schon hatten sich die Menschen teilweise angestellt und die Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen, um in den Saal zu gelangen.

Als der Bundespräsident nebst Gattin dann endlich eintraf, gab es stehende Ovationen. Nachdem Köhler die von einem Demonstranten hochgehaltene Tibet-Flagge am Eingang passiert und die Begrüßung durch ZdK-Präsident Meyer entgegengenommen hatte, nahm er mit Michel Camdessus und Jii Grua auf dem Podium Platz. Maybritt Illner fiel die Aufgabe zu, dieser Gesprächskonstellation Wissenswertes zu entlocken. Mit Michel Camdessus, dem Vorgänger Köhlers als Präsident des Internationalen Währungsfonds, und Jii Grua, tschechischer Dissident, dann Botschafter in Deutschland und heutiger Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien, waren sicher intime Kenner der internationalen Finanzmärkte und unfreiheitlicher Systeme anwesend.

Und so gänzlich unangefochten ist die Demokratie selbst in Deutschland nicht. Maybritt Illner versuchte deshalb in ihrer Eingangsfrage an den Bundespräsidenten gleich eine Ursachenanalyse: „Beginnt die Demokratie zu bröckeln, weil der wirtschaftliche Erfolg nicht mehr so da ist wie früher?“ Köhler: „Der wirtschaftliche Aufschwung hat sicher zur Festigung der Demokratie beigetragen. Und manche Beobachter sehen den Wirtschaftsabschwung tatsächlich als Grund für den Schwund an Zustimmung zur Demokratie. Ich glaube aber, dass sie in Deutschland gefestigt ist. Das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt.“ Im Kern müsse es deshalb um Werte gehen. Böckenfördes Diktum von der Demokratie, die von Voraussetzungen lebe, die sie nicht selbst schaffen könne, zitierend, meinte Köhler: „Neben anderen haben vor allem die Kirchen dazu beigetragen.“ Es gehe nicht nur um Freiheit, sondern um Freiheit, die sich in Verantwortung binde. „Wenn die Bürger das akzeptieren, dann habe ich um die Demokratie in Deutschland keine Sorgen.“

Auch Grua betonte die Voraussetzungen der Demokratie: „Sie muss wertemäßig in jeder Generation neu begründet werden. Das heißt also immer.“ Die Erneuerung des Zivilglaubens an die Freiheit sei deshalb das Gebot der Stunde. Diese sei aber nicht ohne Bezug auf Transzendentes zu haben. Denn: „Der Gedanke, dass dem aufrecht gehenden Affen Mensch Rechte zustehen, ist ein religiöser.“

Nach diesen sehr grundsätzlichen Antworten wollte Frau Illner doch noch wissen, wie man konkret gegen Monster vorgehe. So hatte Köhler vor kurzem die internationalen Finanzmärkte genannt. „Mit Gottvertrauen“, meinte Köhler unter dem amüsierten Lachen des Publikums. „Aber auch mit etwas mehr.“ Mit seinem Kommentar habe er niemanden beleidigen, sondern verdeutlichen wollen, dass es ein politisches Konzept brauche. „Ich will den Primat der Politik.“

Wohlstand allein bringt noch keinen Frieden

Aber selbst strengere Regeln müssten von Moral getragen sein. Damit wolle er nichts gegen Reichtum sagen. Dieser habe zunächst nichts mit Ungerechtigkeit zu tun. Nur eines müssten Reiche und Superreiche begreifen: „Sie werden ihren Reichtum nicht genießen können, wenn die Welt um sie herum in Armut versinkt.“ Das heißt: „Wenn wir uns von immer mehr Wohlstand abhängig machen, wird auch der größte materielle Zugewinn nicht zu Frieden und Stabilität führen.“

Was aber, wenn Wohlstand und Stabilität auf anderem als auf demokratischem Wege erreicht werden können? Wie etwa in China, wo ein autoritäres System ein bemerkenswertes Wachstum geschaffen hat? Das wollte Köhler gar nicht leugnen. „Auch autoritäre Systeme können wirtschaftliches Wachstum anschieben.“ Er hob durchaus anerkennend hervor, dass China 500 Millionen Menschen aus dem Hunger befreit habe. „Wir müssen mit China Geduld haben. Wir unterschätzen die Herausforderungen, vor denen China steht.“ So müsse das Land jedes Jahr 25 Millionen Arbeitsplätze schaffen, um die Arbeitslosigkeit angesichts des Bevölkerungswachstums stabil zu halten. Wirtschaftliche Zusammenarbeit schließe aber einen offenen Dialog über Menschenrechte nicht aus. Und eine neue Systemkonkurrenz wie seinerzeit die zwischen Kapitalismus und Planwirtschaft auszurufen, hielt Köhler für verfrüht: „Das historische Urteil über den Erfolg autokratischer Systeme ist überhaupt noch nicht gesprochen.“ Schließlich sei Indien auch erfolgreich.

Die Frage, auf die alle gewartet hatten, stellte Frau Illner am Schluss: „Sie gelten als großartiger Langläufer. Man spricht von kenianischen Wurzeln. Wie lange aber reicht Ihr politischer Atem?“ Der Bundespräsident: „Ich halte mich fit.“ Lachen und Applaus im Saal, stehende Ovationen und minutenlanges rhythmisches Klatschen. Köhler stand auf und nahm den gelungenen Auftakt seines Wahlkampfes zufrieden wahr. Und der bestand gerade darin, nichts anderes gesagt zu haben als die gewohnte Mischung aus Bodenständigkeit, angedeuteter ökonomischer Expertise und Eine-Welt-Rhetorik. Heiter bis staatstragend. Eben „easy listening at it's best“: So hatte Frau Illner die auf diesem Katholikentag unvermeidliche Begleitmusik – Jazzvariationen zu Händels „Ombra mai fu“ in diesem Fall – gewürdigt. Köhler, in dem viele den Antipolitiker mit dem Charme eines Sparkassendirektors sehen: Die Menschen in Osnabrück scheinen genau diese Kombination zu lieben.