„Gott ist Dir näher als Deine Halsschlagader“

Dschihadisten enthaupten 21 koptische Wanderarbeiter an der libyschen Küste und veröffentlichten ein Video der Hinrichtung. Ein Gespräch darüber mit dem Schriftsteller Martin Mosebach. Von Regina Einig

Dschihadisten enthaupten 21 koptische Wanderarbeiter

Herr Mosebach, hatten Sie ein literarisches oder historisches Vorbild für Ihre Reise auf den Spuren der koptischen Märtyrer vor Augen?

Nein, es war vielmehr etwas ganz Persönliches, was mich dazu gebracht hat. Es war das Bild vom abgeschnittenen Kopf eines der jüngeren Märtyrer, auf dem Cover des Vatican Magazin, das mich gefesselt hat und das ich so oft betrachtet habe, dass ich schließlich meinte, ihn gekannt zu haben. Es war eine Suche auf den Spuren dieses Toten, die auch etwas Vergebliches haben würde, denn er lebte ja nun nicht mehr.

Westliche Medien bezeichneten die 21 als „Opfer des Terrorismus“. Was ist da dran?

Ohne Zweifel waren die 21 „Opfer des Terrorismus“ im landläufigen Sprachgebrauch der Politiker und Redaktionen – in ihrem Selbstverständnis, so wie ich glaube, es rekonstruieren zu dürfen, sind sie aber „Opfer“ in einem ganz anderen Sinne gewesen – nicht in dem passiven, sondern im aktiven christlichen Sinn: die ihr Leben zum Opfer brachten, um sich an das Kreuzesopfer anzuschließen.

Sie haben in Ägypten mehrmals die Videoaufzeichnung des Martyriums gesehen. Wie hat der Film auf Sie gewirkt?

Ich glaube, dass dieses Video ein einzigartiges Dokument ist. Hier wurde ein Massaker nicht mit einer Handkamera dilettantisch aufgezeichnet, sondern überaus professionell gefilmt. Fachleute sagen mir, dass mit mehreren Kameras gearbeitet worden sein muss und dass an der Reihe der knieenden Gefangen sogar eine Schiene für die Kamerafahrt gelegt worden ist. Die Farbregie ist unerhört einprägsam in ihrem Kontrast zwischen dem Orange der Kopten und dem Schwarz der Henker, die Blutwolke im grauen Meer am Schluss ein unvergessliches Bild. Kurz, dies ist ein durchaus ästhetisch stilisiertes Dokument von einem ganz realen Massenmord. Die Kopten sind glücklich, dass sie es besitzen, weil sie damit für die Vorgänge nicht auf Gerüchte angewiesen sind.

Sie betrachten in Ihrem Buch Für und Wider des Blutzeugnisses der 21 in Form eines fiktiven Dialogs zwischen einem Beschwörer und einem Bezweifler: Was hat Sie am meisten überzeugt auf Ihrer Reise?

Es war bewegend, den Stolz der Märtyrer-Verwandten zu erleben, die nicht klagten und die vor allem nicht nach Vergeltung riefen, sondern die vor allem an ihre Söhne und Brüder dachten, die sie sich mit Königskronen gekrönt im Himmel rund um den Gottes Thron als Fürsprecher versammelt vorstellten.

Die lateinische Kirche lehnte die Begeisterung für das Martyrium ab: Schon Cyprian (+ 258) erklärte dem Prokonsul Paternus: „Unsere Lehre verbietet, das einer sich selbst melde“. Im Spanischen Bürgerkrieg wurden Novizen und Postulanten in der Roten Zone von ihren Ordensoberen nach Hause geschickt, um ihr Leben zu retten. Wie christlich ist die Sehnsucht der koptischen Gläubigen, die sich das Martyrium wünschen?

Es gab in den Verfolgungszeiten der Kirche immer zwei Strömungen, übrigens auch in Ägypten: Die kirchlichen Oberen wollten das ihnen anvertraute Volk schützen und fürchteten, dass der Blutdurst der Verfolger noch verstärkt werden könnte, wenn sich die Gläubigen zum Martyrium drängten – vielen Einzelnen stand hingegen das Vorbild Jesu Christi vor Augen, der sich im Garten Gethsemane den Verfolgern auslieferte, anstatt vor der ihm vor Augen stehenden Gefahr zu fliehen. Ich meine, beide Positionen haben ihre Berechtigung, die Kirche kennt da kein Entweder – Oder. Es spielt da auch die Lebensgeschichte des Einzelnen eine Rolle: Ist sein Martyrium das Ergebnis einer echten Konversion oder einer ungesunden Begierde zu leiden? Das weiß nur Gott.

Der kolumbianische Denker Nicolás Gomez Dávila (1913-94) schrieb einmal, damit man über das dreißigste Jahr hinaus leben könne müsse man sich mit den den alltäglichen Verrichtungen abstumpfen. Ist das Martyrium für Kopten ein legitimes, aber geistliches Abenteuer unbeachteter einfacher Leute?

Ja, genauso habe ich es empfunden. Ich sah die Leute in ihren eintönigen Dörfern, stellte mir das immer Gleiche ihrer Lebensvollzüge vor – aber dahinter war die Nähe zu einer übernatürlichen Welt und die Bereitschaft, sich für sie auf die Probe stellen zu lassen. Das gab diesen Menschen eine überraschende Tiefe, einen vergrößerten Resonanzboden gleichsam.

Sie beschreiben in Ihrem Buch die Opferbereitschaft der koptischen Gläubigen mit ihren 200 Fasttagen und ihrer intensiven Frömmigkeit. Wie erklären Sie sich diesen geistlichen Ananchronismus der Kopten, die wie wir unter dem Einfluss der säkularisierten Gesellschaft über Bildschirm und Smartphone stehen?

Ich weiß nicht und habe mir die Frage gestellt, ob die koptische Frömmigkeit auf Dauer der technischen Revolution und dem Konsumismus standhalten kann oder ob die Kopten, sowie ihre Armut überwunden ist, sich genauso verhalten werden wie die westlichen Christen. Wenn man die Verhältnisse in Kairo ansieht, könnte man letzteres vermuten – wenn da nicht die dauerhafte Situation der Unterdrückung und Benachteiligung wäre. An ihr wird sich so schnell nichts ändern, und sie wird ein Korrektiv bilden zu den Versuchungen der postindustriellen Lebensform. Es klingt aus der Position der Sicherheit so frivol und ist vermutlich doch wahr: Der Kirche tun Zeiten der Verfolgung immer gut.

Berichte über die orientalischen Christen beleuchten in der Regel den Exodus der Resignierten, die woanders ihr Glück suchen, seltener das Heldentum derer, die bleiben. Wie würden Sie die Grundstimmung der Kopten beschreiben? Welches Leitmotiv stand über Ihrer Reise?

Man muss hier wohl unterscheiden zwischen den Kopten in den unterägyptischen Großstädten Kairo und Alexandria, die von der Jugendarbeitslosigkeit bestimmt sind. Gewiss gibt es dort auch eine der Säkularisation verwandte Stimmung, die der unsrigen ähnlich ist. Die politischen Aporien werden hier schärfer empfunden, die prekäre Lage der Kopten zwischen einem aggressiver werdenden Islamismus einerseits und der Militärdiktatur andererseits ist bedrückend. Aber im ländlichen Oberägypten mit vielen koptischen Zentren und Klöstern schien mir das konkret Tagespolitische zurückzutreten und das Bewusstsein eines Grundkonfliktes stärker zu sein, der bis zum Ende der Geschichte bestehen wird: zwischen christlichem Leben und den Kräften, die ihm entgegenstehen.

Welche Gegenkräfte sind das?

Es sind die Kräfte dessen, der im Johannes-Evangelium „der Fürst dieser Welt“ genannt wird, der zwar „schon gerichtet“ sei, bis zum Weltende aber ungestört herrschen darf und in wechselnden Erscheinungsformen immer anwesend ist.

Sie kritisieren in Ihrem Buch „eine von jeher gepflegte Arroganz der lateinischen Kirche gegenüber den orientalischen Christen“. Woran zeigt sie sich?

An der Weigerung, sie zur Kenntnis zu nehmen. Besonders groteskes Beispiel: die westliche Reform der Liturgie. Bei den Kopten hätte man studieren können, was frühchristliche Liturgie ist – und zwar nicht als archäologische Rekonstruktion, sondern als lebendigen Vollzug. Hätten die westlichen Liturgiewissenschaftler das getan, dann hätte die Liturgiereform völlig anders aussehen müssen – nicht weniger Sakralität, sondern mehr davon wäre das Ergebnis gewesen.

Diskussionen über liturgische Reformen gab es aber auch bei den Kopten. Warum hat sich die Tradition dort im Unterschied zur lateinischen Kirche gegen die Reformer behaupten können?

Die koptische Kirche widerstrebt dem Zentralismus. Die Würde des einzelnen Bischofs ist groß; eine Liturgiereform als zentral gesteuerten bürokratischen Verwaltungsakt durchzusetzen, wäre ganz unmöglich. Wenn „Reformen“ bei den Kopten die Rede ist, ist damit übrigens nur eine gewisse Verkürzung der langen Liturgie gemeint – eine Umdeutung der Eucharistie zur Mahlfeier und gar Neuschöpfung des Ritus wären unvorstellbar.

Welche Bedeutung kommt der Liturgie im geistlichen Leben der Kopten insgesamt zu?

Der Liturgie kommt eine besonders große Rolle im Leben der Kopten zu. Sie ist so lang wie die orthodoxe und ähnelt ihr, hat aber viele besonders eindrucksvolle Eigenheiten, die sämtlich den Charakter der Vergegenwärtigung der göttlichen Gegenwart betonen. Es war für mich aufschlussreich, dass viele der 21 Märtyrer Liturgen waren, bischöflich beauftragte Hymnensänger, die also einen großen Teil ihres Lebens in der Liturgie zugebracht haben. In der westlichen neueren Diskussion wird den Verteidigern der Liturgie gern vorgeworfen, sie betonten deren Rolle zu sehr und vergäßen darüber die Bedeutung der Martyria und der Diakonia. Bei den 21 durfte ich erfahren, dass Liturgia und Martyria in Wirklichkeit zwei Seiten derselben Medaille sind.

Orientalische Christen haben zwar materielle Hilfe aus dem Westen erhalten, aber oft wenig Empathie in der Bedrängnis. Haben Sie auf Ihrer Reise auch erlebt, wie koptische Christen die westlichen Glaubensbrüder wahrnehmen?

Ich hatte das Gefühl, dass die Kopten sich nicht sehr intensiv mit dem westlichen, aber auch dem orthodoxen Christentum beschäftigen. Die längste Zeit haben sie vollständig allein gestanden und sind schon auf dem Konzil von Chalcedon als „häretische Monophysiten“ aus West- und Ostkirche ausgestoßen worden. Obwohl im zwanzigsten Jahrhundert der Streit um den „Monophysitismus“ zwischen der lateinischen Kirche und dem Patriarchen von Konstantinopel einerseits und der koptischen Kirche andererseits beigelegt und als gegenstandslos erklärt worden ist, konnte die lange historische Entfremdung dadurch nicht überwunden werden. Man vergesse auch nicht: Die Kopten sind nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern vor allem auch ein Volk, das Volk der pharaonischen Antike – eine „societas perfecta“, in der die Neugier auf anderes wenig Nahrung findet.

Die westliche Welt und auch Teile der lateinischen Kirche haben den Missionsauftrag faktisch durch die Pflicht zum Dialog ersetzt. Braucht die lateinische Kirche in Deutschland das Vorbild der koptisch-orthodoxen Christen?

Die koptische Kirche ist unbedingt ein Vorbild für die Kirche des Westens. Sie ist, glaube ich, viel weniger der Versuchung ausgesetzt, zu einem „historischen Kompromiss mit der Welt“ zu gelangen, als die westliche Kirche, die nach dem Ende der konstantinischen Ära verzweifelt nach einer neuen Position innerhalb der säkularisierten Gesellschaft sucht. Die koptische Kirche hatte niemals Anteil an der weltlichen Macht. Die westliche Kirche kann an ihrem Beispiel studieren, wie sich Christentum auch „gegen die Welt“ behaupten kann.

Dennoch gibt es koptische Beamte und Ärzte und die Regierung umwirbt die koptischen Gläubigen mit repräsentativen Kirchbauten. Welche Rolle spielen die Kopten im (ägyptischen) Staat?

Kopten dürfen keine Führungspositionen im Staat übernehmen, sie können nicht General, Minister, Rundfunkintendant etcetera werden. Sie dürfen auch keine koptische Partei gründen.An den staatlichen Universitäten gibt es keinen Lehrstuhl für koptische Sprache und Geschichte, obwohl die Kopten doch die Ureinwohner des Landes sind, die eigentlichen „Ägypter“. Es gibt neben der Masse der armen Kopten allerdings sehr wohlhabende koptische Familien, die mit ihrem wirtschaftlichen Gewicht auch politisch Einfluss ausüben, aber eben nur indirekt, nicht auf der Grundlage von Rechten.

Übernatürliche Phänomene wie Licht-

erscheinungen, wundertätige Bilder, Statuen, die heiliges Öl absondern etc. gehören für koptische Gläubige zur Frömmigkeit dazu. Wie hat das auf Sie gewirkt?

Ich gebe zu, dass die Allgegenwart von Wundern in der koptischen Welt den westlichen Reisenden, auch wenn er Katholik ist, immer neu verblüfft. „Das Wunder ist für die Kopten immer die nächstliegende Erklärung“, habe ich geschrieben. Ich habe mich dann daran gewöhnt, diese Haltung im Sinne des Jakobus-Briefes zu verstehen: „Alles Gute kommt von oben.“ Die Kopten haben eine starke Vorstellung von der Nähe Gottes, um es mit einem muslimischen Wort zu sagen: „Gott ist Dir näher als Deine Halsschlagader.“ Wenn man das so erlebt, ist man tatsächlich beständig von göttlichem Eingreifen in die Welt umgeben.

Der Metropolit von Samalout verkörpert als „Typus des fortschrittlichen Reaktionärs“ im Buch eine dem deutschen Leser unbekannte Bischofsspezies. Was darf man sich von ihm versprechen?

Ich hatte den Eindruck, in Gestalt dieses Bischofs einem echten „Ethnarchen“, einem Volksführer, gegenüberzustehen, wie die Bischöfe im osmanischen Reich genannt wurden – also einem Mann mit großem politischen Geschick, der mit den Fakten der Augenblickssituation souverän umgehen kann, der dies alles aber immer als Priester und Hierarch tut; eine Person aus einem Guss. Man könnte vielleicht sagen: Er stellt seine Fähigkeit zum politischen Taktieren in den Dienst einer religiösen Kompromisslosigkeit.

Lesetermine Martin

Mosebach – Die 21

26.2.2018, 21.15 Uhr, Sils

Hotel Waldhaus Sils, Via da Fex 3, CH - 7514 Sils / Segl Maria, www.waldhaus-sils.ch

27.2.2018, 19 Uhr, Karlsruhe

Literaturhaus Prinz Max Palais

Karlstraße 10, 76133 Karlsruhe, www.stephanusbuch.de

1.3.2018, 20 Uhr, ebenda, Karlsruhe

Literaturhaus Prinz Max Palais

Karlstraße 10, 76133 Karlsruhe

6.3.2018, 19 Uhr, Berlin

Katholische Akademie in Berlin e.V. Hannoversche Straße 5, 10115 Berlin, www.katholische-akademie-berlin.de

8.3.2018, 19.30–21 Uhr, Frankfurt

Historische Villa Metzler, Schaumainkai 15, 60594 Frankfurt am Main,

frankfurt.carpediem.cd

10.3.2018, 19 Uhr, Eichstätt

Katholische Universität Eichstätt

Spiegelsaal der Fürstbischöflichen Residenz, Residenzplatz 1, 85072 Eichstätt, Email: m.haehnel@ku.de, Tel.: 08421-9321684

12.3.2018, 19.30 Uhr, Herzogenrath „Herzogenrather Montagsgespräch“, Kath. Pfarrgemeinde

St. Gertrud, Afdener Straße 27,

52134 Herzogenrath,

www.montagsgespraeche.de

16.3.2018, 19 –21.15 Uhr, Köln

Basilika St. Ursula, Ursulaplatz 24, 50668 Köln (Innenstadt), gebührenfrei

Kursnummer: 7308405002

Anmeldung: nicht erforderlich,

bildung.erzbistum-koeln.de

22.3.2018, 19.30 Uhr, Frankfurt

Deutschordenskirche, Brückenstraße 7, 60594 Frankfurt, www.deutschordenskirche.de

24.3.2018, 10.30 Uhr, Berlin

Institut Phillip Neri/ Stift „St.Afra“, Graunstraße 31, 13355 Berlin, www.institut-philipp-neri.de