Glosse: Von Stiftern und Gründern

Am 11. November pünktlich um 11.11 Uhr hat die närrische Zeit begonnen, am Montag, 10. Dezember ab 13.00 Uhr, steuert sie auf einen ersten Höhepunkt: Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union (EU). Niemand wird behaupten, dass die christlichen Gründungsväter Europas diesen Preis nicht verdient hätten. Doch das war vor 50 Jahren. Viel hat sich verändert. Heute kann man froh sein, dass sich die führenden Vertreter der EU wenigstens konfliktlos darauf geeinigt haben, wer die traditionelle Nobelpreisrede halten darf. Herman Van Rompuy, der Präsident des Europäischen Rates, macht es. Wobei ... na ja, der Präsident der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, darf sie auch halten. Also ... Sie halten sie praktisch zusammen, äh, hintereinander. Eventuell noch verstärkt vom Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, der nicht gerade als mikrofonscheu gilt.

Bei soviel Gedränge im Scheinwerferlicht ist es gut, dass wenigstens im Zuschauerraum Übersicht herrscht. Sechs Länder haben sich freundlicherweise entschlossen, der Vergabe in Oslo fernzubleiben: Darunter Großbritannien, Tschechien und Schweden. Vielleicht haben griechische oder spanische Demonstranten Lust, vorbeizuschauen? Für Stimmung wäre gesorgt. Doch auch bei den Ehrengästen zeichnen sich freie Plätze ab. Mehrere Nobelpreisträger protestierten schriftlich gegen die diesjährige Verleihung, darunter der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu. Aus seiner Sicht sei die EU „kein Vorkämpfer für Frieden“. Die Entscheidung des Nobelkomitees verfälsche den ursprünglichen Stifterwillen. Moment mal: Verfälschter Stifterwille und Verfälschung der Gründungsidee – das passt doch. Stefan Meetschen