Glosse: Trauer muss das Amt nun tragen

Von Guido Horst

Nachdem das Amt des Bundespräsidenten von Christian Wulff zurückgetreten ist, sitzt es nun an den Ufern der Spree und fragt sich, wie es weitergehen soll. Ein zweiter Horst Köhler will es auch nicht sein – so als Ruhestandsämtchen, mit Däumchendrehen den ganzen Tag.

Wehmütige Stimmung ergreift das Herz unseres einsamen Bundespräsidentenamts, und was für das deutsche Herz gilt, gilt auch für das deutsche Amt: Wenn Wehmut und Melancholie nach der Seele greifen, treibt es die Teutonen nach Süden, in das Land Dantes und der Renaissance, auf die Höhenzüge der Toskana und noch weiter nach Süden, in die Erblande des klassischen Altertums. Unser Bundespräsidentenamt hat schon erwogen, sich dem italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano anzudienen, der so trefflich den lüsternen Cavaliere gegen den wandelnden Wirtschaftsroboter Mario Monti ausgetauscht hat. Ein kühner Streich nach wahrhaft staatsmännischer Art, der unser Bundespräsidentenamt sehr beeindruckt hat. Aber das Ansehen Napolitanos ist so hoch, dass er ein deutsches Bundespräsidentenamt wohl gar nicht braucht.

Ob nicht der Vatikan für es Verwendung hätte, fragt sich das Amt an den Ufern der Spree. Benedikt XVI., Diener der Diener Gottes, Bischof von Rom, Nachfolger des Apostels Petrus und deutscher Bundespräsident... Das wäre doch was! Aber der Papst aus Bayern, so denkt sich unser Präsidentenamt, hat bekanntlich eine „reservatio mentalis“ gegenüber allem, was so aus Berlin und Preußen daherkommt, und darum dürfte das auch nichts werden. Einen Augenblick sieht es so aus, als wolle sich unser Präsidentenamt in die Fluten der Spree stürzen und darin für immer untergehen. Doch dann fängt es sich – einer muss ja die Würde seines Amts bewahren.