Glosse: Schnelllebiges Fastfood

Wenn heute jemand aus einem 25-jährigen Tiefschlaf erwachte, müsste er sich mit einigen Neuerungen arrangieren. Aber er fände sich schnell zurecht. Nehmen wir die fünfstelligen Postleitzahlen. Obwohl man sich diese sperrigen Dinger nicht merken kann, stört das überhaupt nicht, weil man für eine E-Mail nicht einmal mehr die vierstelligen Vorgänger braucht. Oder die neue Rechtschreibung: Sie ist ebenso befremdlich wie Geschichte, weil heute im orthografischen Zweifelsfall die Computer über Punkt, Komma, scharfes und Doppel-S entscheiden. Auch das Fernsehen würde die Intelligenz unseres Dornröschens nur für einen Augenaufschlag in Aufruhr versetzen. Wenn Artgenossen für ein Fitzelchen Ruhm die Unverschämtheiten eines Dieter Bohlen über sich ergehen lassen, muss man darüber wirklich keine weitere Kalorie vergeuden, weil man heute vor lauter Flachbildschirmen das Programm sowieso nicht mehr sieht.

Natürlich hätte unser Tiefschläfer auch historisch Bedeutsames verpasst: Erst sind wir Papst geworden, dann zurückgetreten, und jetzt sitzt ein Argentinier auf dem Stuhl Petri; ein Farbiger sitzt im Weißen Haus; die FDP ist aus dem Bundestag geflogen; der Samstag ist neuer Spiegel- und Focus-Tag; Bayern hat das G9 und die Hauptschule abgeschafft; Uli Hoeneß sitzt im Knast, das Ei gilt nicht mehr als Herzinfarktbeschleuniger und die D-Mark nicht mehr als Geld ...

Ein Ereignis toppt jedoch alle anderen: Eine Hamburger-mit-Pommes-Kette hat seine ketchuprote Signalfarbe für ein waidmännisches Grün aufgegeben. Das ist ein nicht so leicht zu verdauender Brocken. Langfristschläfer in spe seien also gewarnt. Fastfood ist schnelllebiger als man denkt. Bernhard Huber