Glosse: Postmodernes Lügenlabyrinth

„Niemand ist lächerlich, wenn er das ist, was er ist, so lächerlich das, was er ist, auch sein mag“, schrieb Nicolás Gómez Dávila, der nie lächerlich ist. Nun entzieht sich uns, ob Harald Schmidt immer das ist, was er ist. Auch deshalb, weil er ja scheinen will, was er möglicherweise gar nicht ist – wohl wissend, dass er ist auch ohne zu scheinen. Mit Sicherheit können wir nur sagen, dass er das, was er macht, selbst wenn es lächerlich wirkt, ziemlich professionell macht. Ohne dass wir damit vom Machen aufs Sein rückschließen wollen, was uns Gómez Dávila nie verziehe. Auf die Frage „Lügen Sie bei Interviews?“ gab Harald Schmidt jedenfalls die philosophisch wertvolle Antwort: „Eigentlich permanent.“ Damit schließt er direkt an das philosophische Erstsemester-Paradoxon an: „Ein Kreter sagt: ,Alle Kreter lügen!' Darf man ihm glauben?“

In der Begründung für sein eigentlich permanentes Lügen liefert uns Harald Schmidt darüber hinaus ein tiefgründiges Psychogramm unserer Zeit, für das ein Soziologe mindestens ein unlesbares Buch bräuchte: Man müsse „neue Themen bringen... auf die immer wiederkehrenden Fragen neu antworten“ – oder etwas klingt einfach gut. „Es ist eigentlich komplett wurscht, ob wahr ist, was in der Zeitung steht. Es muss ja nur eine Figur entstehen, eine Kunstfigur.“ Klingt zynisch, erklärt aber unsere Postmoderne mit ihrem politischen und medialen Lügenlabyrinth. „Eine gebildete Seele ist, wer sich nur für nicht nutzbare Wahrheiten interessiert“, so Gómez Dávila. Der eigentlich permanente Lügner Harald Schmidt nutzt selbst diese. Stephan Baier