Glosse: Im Pazifik wird ein Tag versenkt

Von Stephan Baier

Stellen Sie sich vor, ein Herr von der Lotterie ruft Sie an und eröffnet Ihnen höflich, Sie hätten gerade einen Tag gewonnen. Ihr Gewinn von 24 Stunden a 60 Minuten könne leider nicht in Euro ausgezahlt werden, aber Sie dürfen die gewonnenen 1 440 Minuten gerne am 31. Dezember einlösen. Endlich könnten Sie tun, wozu Sie bisher nie Zeit hatten: alte Platten hören, koreanische Grammatik studieren, den Erbonkel besuchen... Aber was machen die Samoaner? Die streichen einen Tag aus dem Kalender! Einfach gelöscht und aus! Auf Donnerstag 23.59 Uhr folgt dort die Geisterstunde vom Samstag. Der Freitag wird ausgelassen! Was machen jetzt die armen Touristen, die über den Jahreswechsel eine Woche unter Palmen buchten? Haben sie für sieben Nächte gezahlt, können sie nur sechs Nächte völlern, nur sechs Tage an weißen Stränden in der Sonne grillen. Wie soll aus Samoa etwas werden, wenn sie einen Tag einfach verschenken, den sie auch teuer hätten verkaufen können?

Des Rätsels Lösung ist die Datumsgrenze, die mitten durch den Pazifik läuft und nur für Kiribati eine kleine Beule trägt. Samoa hüpfte schon einmal über diese Grenze: 1892 Richtung Osten, um sich den Frühaufstehern in Amerika anzupassen. Nun hat die Inselrepublik hellsichtiger als alle Ratingagenturen erkannt, dass sie im Gleichklang mit den USA einfach der Zeit hinterher ist. Also springt sie von Donnerstag auf Samstag, um mit Neuseeland und Australien zeitgleich zu werden. Wenn sich künftig die Frommen von Los Angeles zur Sonntagsmesse rüsten, heißt es in Samoa längst „Schaffe, schaffe, Kokospalmhüttele baue“. Dennoch: Sie hätten uns ihren achtlos gelöschten Tag wirklich kurzfristig verkaufen können, oder? Stellen Sie sich vor: 24 zusätzliche Stunden, völlig ohne Fernsehprogramm!