Glosse: Eltern ja, Kinder nein

Vor zwei Jahren zeigten sich 15 Bundestagsabgeordnete rührend menschlich. Sie outeten sich als Hundehalter, die sich nicht gerne von ihrem vierbeinigen Anhang trennen. Denn der Hund brauche die Nähe seines Menschen und der Mensch diejenige seines Hundes, so ein weibliches MdB. Deshalb ersuchten sie den Bundestagspräsidenten um die Erlaubnis, Bello oder Bella in ihr Büro mitnehmen zu dürfen. Das wurde jedoch abgelehnt. Ist diese Initiative Vorbild für eine neue, noch menschlichere? Jedenfalls wollen nun einige Parlamentsmütter die Gepflogenheiten des Hohen Hauses aufmischen. Dem medialen Vernehmen nach haben sie ein Problem damit, als gewählte Volksvertreterinnen ständig, also rund um die Uhr volksvertretend wirken zu müssen. Ihren Familien stünden sie schließlich auch nicht rund um die Uhr zur Verfügung. Warum soll aber das Volk mehr von ihnen haben als die eigene Familie? Also fordern sie parlamentarische Kernzeiten. Ohne Diätenabzug, versteht sich.

Die vaterlose Gruppe verfolgt damit nicht nur ein parlamentarisches, sondern auch ein gesellschaftliches Ziel. Das angestrebte elternfreundliche Parlament soll auf den Politikbetrieb insgesamt ausstrahlen, um Väter und Mütter zur Übernahme politischer Verantwortung zu bewegen. Wie überaus löblich! Haben wir es hier doch mit dem seltenen Fall einer tellerrandüberschreitenden Initiative zu tun, und wenn nicht heute, so morgen, und wenn nicht morgen, so wird in jedem Fall übermorgen eine Erkenntnis durch alle Hallen unserer Republik schallen: dass alle Kinder die Nähe ihrer Eltern und alle Eltern die Nähe ihrer Kinder brauchen. Bis es allerdings soweit ist, hat ein lohnendes Geschäftsmodell Zeit, sich zu etablieren: Rund-um-die-Uhr-Kitas. Denn auch die Wirtschaft pocht auf die Nähe der Eltern. Und auf Kinder, die ihnen fern sind. Bernhard Huber