Glosse: „Duzi-duzi“ und die Wirtschaft

Wenn das so weitergeht, wird es bald kein einziges Baby mehr geben. Gemeint ist nicht unser demografisches Dahinschmelzen, sondern die Beobachtung, dass das „Frühkind“ die Babys, Säug- und Sprösslinge mehr und mehr an den Rand unseres Wortschatzes und bald vielleicht sogar hinausdrängt. Ein Frühkind hat natürlich viele Vorteile. Vor allem ist es viel praktischer in der Handhabung. Das Baby ist mit seinem glupschäugigen Kindchenschema so sehr auf Papa und Mama fixiert, dass die beiden ihr unprofessionelles Erziehungsding nicht etwa durchziehen, weil da was im Grundgesetz steht, sondern weil sie von der Idee besessen sind, das tatsächlich zu wollen. Nichts ist ihnen wichtiger als das Wohlbefinden ihres Duzi-duzi. Das Frühkind hingegen ist als funktionelles Wesen konzipiert. Es will nur betreut werden und weiß schon im Krabbelalter, wo es hingehört: in die Kita. Weil sich Eltern ohne Kinder aber überflüssig vorkommen, gehen sie unterdessen arbeiten, womit beiden gedient ist: der Wirtschaft und der Wirtschaft. So hat sich die Kita als Bindeglied zwischen Familie und Arbeitsplatz unentbehrlich gemacht. Ihre Aufgabe ist es, Frühkinder als eine Art Vorgesamtschule zur allgemeinen Grundschulreife zu führen. Warum? Weil nach der legendären Ruck-Rede des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog wieder einmal eine Bildungskatastrophe zu überwinden ist, wie wir sie uns gefühlt alle zehn Jahre ein-„bilden“. Dafür wurde die Bildung vom altbackenen humanistischen Ideal zum omnipotenten Rohstoff aufgebrezelt, mit dem der Mensch ab Geburt zu füttern ist. Er soll ohne Unterbrechung einen von Kompetenzen zugepflasterten Bildungsweg durchlaufen, bis er mit einem Abschlusszeugnis Anschluss auf dem Arbeitsmarkt sucht. So geht Bildung heute. Wofür die Babys wirklich zu schade sind. Bernhard Huber