Glosse: Die hohe Kunst der Beleidigung

Die Beschäftigung mit Facebook und anderen sozialen Netzwerken könnte viel amüsanter und mitunter sogar tatsächlich interessant sein, wenn sich diejenigen, die sich dort tummeln, besser auf die Kunst des Beleidigens verstünden, anstatt regelmäßig bloß zu dilettieren. Ein Mann wie der britische Premier Winston Churchill hatte es auf dem Gebiet des Beleidigens noch zur wahren Meisterschaft gebracht. Einer Frau, die ihn im Parlament mit den Worten beleidigte: „Wenn Sie mein Mann wären, dann würde ich ihren Kaffee vergiften“, entgegnete er seelenruhig: „Wenn Sie meine Frau wären, dann würde ich den Kaffee trinken.“ Touché! Von einer solchen Kunst des Beleidigens ist das Gros der Facebook-Gemeinde weit entfernt. Sie orientiert sich stattdessen regelmäßig an dem, wozu der Philosoph Arthur Schopenhauer im allerletzten Kapitel seiner Schrift: „Die Kunst, Recht zu behalten“ rät: „Wenn man merkt, dass der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend grob. Das Persönlich werden besteht darin, dass man von dem Gegenstand des Streitens (weil man da verlorenes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgendwie angreift (...). Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit.“ Diese Regel sei, so Schopenhauer weiter, sehr beliebt und werde häufig angewandt, „weil jeder zur Ausführung tauglich ist“. Verpflichtet ist man dazu freilich nicht. Wer weder mit Churchill noch mit der „Tierheit“ konkurrieren will, kann einen anderen Rat Schopenhauers befolgen und sich auch eine arabische Weisheit aus besseren Tagen zu eigen machen, die lautet: „Am Baume des Schweigens hängt seine Frucht, der Friede“. Stefan Rehder