Glosse: Des Wutbürgers Wutkonsum

Von Andreas Wodok

Die Wirtschaftsforscher kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Wäh-rend ganz Europa nur noch vom Sparen spricht und die Menschen in Griechenland oder Spanien ihre Gürtel längst richtig eng schnallen müssen, sind die Deutschen in bester Einkaufslaune. Der Konsumklimaindex steht derzeit so hoch wie seit einem Jahr nicht mehr, die Bundesbürger shoppen, was das Zeug hält. Statt, wie sonst in Krisenzeiten üblich, ihr Geld zusammenzuhalten, reagieren Otto und Lieschen Normalverbraucher heute ge-nau umgekehrt: Angstkonsum statt Angstsparen. Der Euro ist unsicher, die große Inflation wohl nur noch eine Frage der Zeit – da ist es vielleicht eine gute Idee, sein Geld lieber auszugeben, bevor es schleichend oder mit lautem Knall seinen Wert verliert. Vielleicht treibt die Bundesbürger aber nicht nur Angst, son-dern auch eine gehörige Portion Wut in die Geschäfte. Die Bundesregierung und andere Institutionen werfen nämlich mit Geld nur so um sich – mit dem der Steuerzahler wohlgemerkt, weshalb diese es vielleicht vorziehen, ihr Geld lieber selbst auszugeben. Hier 130 Milliarden Euro für Griechenland, dort 500 Milliarden Euro für die Banken, hier ein um 250 Milliarden Euro aufgestockter Rettungsschirm, dort ein „Ehrensold“ von 200 000 Euro pro Jahr – und jeder einzelne Cent davon wird letztlich einzig und allein deshalb ausgegeben, weil Politik versagt hat, weil Politiker versagt haben, um genau zu sein. Und für jeden einzelnen Fehler haften die Steuerzahler – während die meisten von denen, die diese Fehler zu verantworten haben, mit einem goldenen Handschlag weiterziehen. Das ist anstrengungsloser Wohlstand par excellence. Da kann, da muss man aus Wut ein bisschen shoppen gehen.