Glaube, der sich bewähren muss

Der christliche Glaube ruft zu klaren Positionen, ohne fatale Kompromisse zu schließen. Das gilt auch für die Diskussion um die aktive Sterbehilfe, sagt Bischof Heinz Josef Algermissen

Es ist hilfreich, an der liebevollen Hand eines anderen Menschen zu sterben, aber nicht durch dessen Hand. Foto: dpa
Es ist hilfreich, an der liebevollen Hand eines anderen Menschen zu sterben, aber nicht durch dessen Hand. Foto: dpa

Ich weiß nicht, ob Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich an die Weihnachtsansprache 2013 des Bundespräsidenten erinnern. Er erreichte die Bürgerinnen und Bürger zur besten Sendezeit in deren Wohnzimmern. Sein Hauptthema war das Flüchtlingselend. Und so sagte er: „Die da einst nach Bethlehem zogen… waren arm… Und nach der Geburt des besonderen Kindes waren sie alsbald auf der Flucht…“

Der erste Repräsentant des Staates scheute sich also, im wahrsten Sinn des Wortes wie im übertragenen Sinn „das Kind beim Namen zu nennen“. Als ehemaliger evangelischer Pfarrer hätte er das tun müssen, tat es aber nicht.

Doch nicht die Rettung eines Kindes, die in vielen Mythen von Rettergestalten erzählt wird, ist das Entscheidende des weihnachtlichen Christusglaubens, vielmehr das Unterschlagene: dass ER rettet und dass diese Rettung für Christen lebensentscheidend ist. Maria und Josef mutieren in der Ansprache zu vagen „Die da einst…“ und Jesus, der Christus, eben zum „besonderen Kind“.

Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ scheint damit deutschlandweit angekommen zu sein. Es geht in der Geschichte um einen Rundfunkredakteur, der den Auftrag erhielt, aus einem bereits auf Band aufgezeichneten Vortrag eines berühmten Professors über das Wesen der Kunst das Wort „Gott“ zu entfernen und zu ersetzen durch „jenes höhere Wesen, das wir verehren“. Bölls Geschichte mit ihrer Ironie, im Jahr 1955 geschrieben, ist zu Weihnachten 2013 offenbar von der Wirklichkeit eingeholt worden.

Dort, wo man Gott aus der Welt herausbringt, wo man ihn gleichsam ausbürgern will, indem man etwa die Kreuze aus Klassenzimmern und Gerichtssälen entfernt, gerät die Welt in einen Zustand des Unheils. Wie das ausgehen kann, zeigt der letzte Film des dänischen Regisseurs Lars von Trier: „Melancholia“ ist eine Parabel auf die Ausweglosigkeit einer Welt, in der es Gott nicht mehr gibt, nur noch Depression und Leere, die den Untergang ankündigen.

Bewähren und profilieren muss sich unser Glaube in einer Gesellschaft, die sich immer mehr von christlichen Grundsätzen entfernt. Da konkret haben sich der Glaube an die Auferstehung und die österliche Perspektive unseres Lebens, die wir ja Sonntag für Sonntag feiern, zu beweisen. Dort sind wir zu klarer Position aufgefordert, ohne fatale Kompromisse zu schließen.

Als Beispiel der Profilierung unseres Glaubens möchte ich die aktuelle Debatte um Sterbehilfe zur Sprache bringen, die uns im neuen Jahr noch heftig begleiten wird.

In den vergangenen Wochen ist häufig davon die Rede gewesen, auch bei uns – wie in anderen europäischen Ländern – eine „aktive Sterbehilfe“ zu ermöglichen. Anders als dieser Begriff suggeriert, geht es dabei aber eben nicht darum, Menschen beim Sterben zu helfen. Vielmehr geht es ganz bewusst und gezielt darum, ihren Tod herbeizuführen. Für Christen hingegen ist nicht „aktive Sterbehilfe“ das Zauberwort, sondern „intensivste Sterbebegleitung“. Und wir verstehen darunter den medizini-schen, pflegerischen, sozialen und seelsorglichen Beistand auf dem allerletzten Weg. Eine große moralische Niederlage wäre es, die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen dafür nicht zu schaffen. Es wäre eine Bankrotterklärung der Politik.

Sterbebegleitung ist also im Gegensatz zu „aktiver Sterbehilfe“ konkret erfahrbare Lebenshilfe. Es ist sehr hilfreich, an der liebevollen Hand eines anderen Menschen zu sterben, nicht aber durch dessen Hand. Ich erkenne die Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus besonders auch in denen, die leiden und sterben, Angst haben vor dem allerletzten Weg und keinen Ausweg zu finden glauben. Hier sind wir gerufen und müssen uns bewähren.

Bewähren muss sich unser Glaube sicher auch in den Stunden persönlicher Grenzsituationen und schließlich am letzten großen Karfreitag unseres Lebens, wenn der Tod bei uns anklopft. Wenn alles menschliche Wissen und Können am Ende ist, die irdischen Hoffnungen wie Seifen-blasen zerplatzen, wenn alle vorläufigen Antworten ratlos verstummen, dann dürfen wir Christen mit dem Apostel Paulus in seinem Römerbrief bekennen: „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende“ (Röm 14, 7-9).

Das ist der Glaube, der uns alles in einem anderen Licht sehen lässt und durch Krisen hindurch unbedingt in uns reifen muss, um den wir uns mühen, den wir aber vor allem erbitten müssen. „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 24).

Der Autor ist Bischof von Fulda