Gespannte Ruhe in Südafrika

Trotz der Unruhen verspricht das Land der Fußball-WM größtmögliche Sicherheit

Südafrika wird von einer Welle fremdenfeindlicher Gewalt erschüttert. In vielen Townships um Johannesburg wurden in den vergangenen Tagen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern wie Tiere gejagt – von schwarzen Jugendbanden, zum Teil aber auch von ihren südafrikanischen Nachbarn. Das Muster war fast überall gleich: Ein wütender Mob zumeist junger schwarzer Männer zog, mit Macheten, Stöcken und Steinen bewaffnet, von Haus zu Haus, fragte nach Namen und Herkunft – und brandschatzte, sobald man glaubte, dass es sich bei den Bewohnern um Immigranten aus anderen Teilen Afrikas handelte. Die Gewalt hatte auch die zweitgrößte Stadt Südafrikas erreicht. Im Vorort Milnerton der Tourismusmetropole Kapstadt plünderten Jugendliche Geschäfte von Händlern aus Somalia und Simbabwe.

Derzeit herrscht gespannte Ruhe. Die Polizei erklärte, die Lage sei nun unter Kontrolle. Sie präsentierte eine Opferbilanz, wonach seit dem Ausbruch der Übergriffe auf afrikanische Zuwanderer in Johannesburgs Armenviertel Alexandra vor zwei Wochen 56 Menschen getötet, hunderte verletzt und zehntausende vertrieben wurden. 440 Häuser brannten ab, 342 Läden wurden geplündert. Präsident Thabo Mbeki hatte in einer Rede an die Nation die Gewalt als „absolute Schande“ verurteilt. Er hatte einem Militäreinsatz zugestimmt – und damit gleichzeitig den Ernst der Lage hervorgehoben. Es ist das erste Mal seit dem Ende der Apartheid vor vierzehn Jahren, dass das Militär zur Wiederherstellung der inneren Sicherheit herangezogen wurde.

Viele schwarze Südafrikaner betrachten die Zuwanderer aus anderen Teilen Afrikas schon deshalb als Wurzel allen Übels, weil diese den Südafrikanern mit ihrer besseren Ausbildung in der Tat oft das Wasser abgraben. Als einziger Industriestaat in Afrika und damit als vergleichsweise reiches Land ist die Kaprepublik seit Jahrzehnten das Ziel von Millionen von Afrikanern, die vor Bürgerkriegen und korrupten Machthabern fliehen. Weil etwa Simbabwes Diktator Robert Mugabe sein Volk eher verhungern lässt als politische Zugeständnisse zu machen, sind inzwischen etwa vier Millionen der dreizehn Millionen Simbabwer aus ihrer Heimat geflohen – der größte Teil davon ins benachbarte Südafrika. Es dürfte weltweit der größte Exodus aus einem Land sein, das sich nicht im Krieg befindet.

Wichtiger als die exakte Zahl der Flüchtlinge ist ohnehin, dass Südafrikas Präsident Thabo Mbeki und seine Regierung das Problem seit Jahren wissentlich ignoriert haben. Es gibt zwar Millionen Zuwanderer aus afrikanischen Nachbarländern, aber keine effektive Einwanderungspolitik. Dabei hätte die südafrikanische Regierung wissen müssen, dass die systematisch vorangetriebene Zerstörung der Wirtschaft im Nachbarland Simbabwe riesige Flüchtlingsströme nach Südafrika auslösen würde, doch Mbeki hält weiter seine schützende Hand über den Wüterich im Nachbarland.

In der Tourismusindustrie, die mit einem Anteil von acht Prozent am Bruttoinlandsprodukt einen Eckpfeiler der südafrikanischen Wirtschaft darstellt, nimmt unterdessen die Sorge zu, dass es zu beträchtlichen Einbußen kommt. Einige westliche Regierungen haben bereits Reisewarnungen für Südafrika ausgesprochen. Das Land ist Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Im Zuge der Sicherheitsdebatte hatte die südafrikanische Vertretung in Berlin unter Botschafter George Johannes diese Woche eigens den stellvertretenden südafrikanischen Polizeichef Andre Pruis eingeflogen, der von einer sich stabilisierenden Lage redete. Für die Weltmeisterschaft versprach Pruis größtmögliche Sicherheit. Der einzige Unsicherheitsfaktor, sagte der Polizeioffizier, sei die Platzierung von „Bafana Bafana“, der südafrikanischen Nationalmannschaft. „Bafana Bafana“ bedeutet wörtlich übersetzt „die Jungs“. Thabo Mbeki ist für eine Änderung dieses Namens, eine andere Bezeichnung sollte „gewisse Symbole und den Fortschritt unserer Nation widerspiegeln.“ Der Mann hat Sorgen.