Geschwächt in den Kulturkampf

Die Debatte über die „Ehe für alle“ in der Schweiz zeigt, dass das Bekenntnis vieler Schweizer Katholiken zur Schöpfungsordnung durch den Zeitgeist unterminiert ist – Bischöfe nicht ausgenommen. Von Dominik Lusser

Demo für Ehe für Alle in der Schweiz
Die Befürworter der Homo-„Ehe“ in der Schweiz – hier im Februar in Bern – sind sich einig. Die Katholiken nicht. Foto: dpa
Demo für Ehe für Alle in der Schweiz
Die Befürworter der Homo-„Ehe“ in der Schweiz – hier im Februar in Bern – sind sich einig. Die Katholiken nicht. Foto: dpa

Die politische Auseinandersetzung um die Zukunft der Ehe ist in eine entscheidende Phase getreten. Bis im Juni 2019 läuft das Vernehmlassungsverfahren zur parlamentarischen Initiative „Ehe für alle“, die den Zugang homosexueller Paare zur standesamtlichen „Heirat“ samt Adoptionsrecht fordert. Gleichzeitig steht auch die Zulassung „verheirateter“ lesbischer Paare zur Samenspende zur Debatte. Im Zivilgesetzbuch würde es demnach künftig heißen: „Ist die Mutter zum Zeitpunkt der Geburt mit einer Frau verheiratet, so gilt die Ehefrau als der andere Elternteil.“

Solche Forderungen, über die letztlich das Stimmvolk zu befinden haben wird, widersprechen offensichtlich nicht nur den Geboten der Vernunft (etwa dem Kindeswohl), sondern auch dem christlichen Verständnis von Ehe und Familie. Doch während Linke und Liberale ebenso militant wie einmütig ihr Ziel der Umdeutung des Ehebegriffs verfolgen, zeigt sich die ursprünglich im katholischen Raum und Denken beheimatete Christdemokratische Volkspartei CVP in dieser Frage tief gespalten. Als 2017 über eine Fristverlängerung der 2013 eingereichten parlamentarischen Initiative abgestimmt wurde, stimmten 16 der 30 Nationalräte der CVP-Fraktion dafür und verpassten damit eine erste Chance, der Homo-„Ehe“ eine klare Absage zu erteilen.

Die unverhohlene Sympathie vieler Christdemokraten für die LGBT-Agenda betrifft aber nicht nur Bundes- und Kantonsparlamentarier, die sich der Kirche bereits entfremdet haben. Sogar Mandatsträger, die in der Sonntagsmesse als Lektor oder Kommunionhelfer mitwirken oder in kirchlichen Gremien Einsitz nehmen, sympathisieren zum Teil offen mit der „Ehe für alle“. Das Versagen der CVP deutet so auch auf eine Krise der kirchlichen Verkündigung hin, die nun schon Jahrzehnte andauert. Pfarreien, in denen die anthropologischen Grundwahrheiten, um die es hier geht, noch klar angesprochen werden, gibt es nicht mehr viele. Und so ist es nicht verwunderlich, dass 2014 in einer Umfrage des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts von 27 000 Teilnehmern gut 60 Prozent angaben, die kirchliche Anerkennung und Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zu befürworten. Es gehört indes zum absoluten Kern christlicher Anthropologie, dass Gott den Menschen nach seinem Bild als Mann und Frau geschaffen und das Geschenk der Sexualität exklusiv dem Bund dieser beiden anvertraut hat, verbunden mit dem Auftrag, das Leben weiterzugeben. Doch wird diese Lehre selbst von Bischöfen zusehends verwässert. Der Basler Oberhirte Felix Gmür möchte zwar, wie er 2015 in einem Interview mit der „Aargauer Zeitung“ ausführte, einen klaren Unterschied zwischen der sakramentalen Ehe und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gewahrt haben, erachtet es aber als Aufgabe der Weltkirche, „auch für diese Verbindungen Sinndeutungen zu finden“.

Nur Bischof Huonder bekennt katholische Lehre

Vom St. Galler Bischof Markus Büchel sind ähnlich zweifelhafte Signale zu vernehmen. Und so vertritt von den Deutschschweizer Diözesanbischöfen allein der Churer Oberhirte Vitus Huonder uneingeschränkt die katholische Lehre, wonach es keinerlei Fundament dafür gibt, „zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn“ (Amoris laetitia, Nr. 251).

Gleichzeitig steht das Bistum Chur nach eigener Aussage der Tatsache „machtlos gegenüber“, wenn Manfred Belok, Professor an der Theologischen Hochschule Chur, dieses Bekenntnis öffentlich untergräbt. Der Pastoraltheologe hat kürzlich in einer Talksendung des Schweizer Fernsehens die Frage aufgeworfen, ob die Kirche in der Frage der „Ehe für alle“ „die Zeichen der Zeit“ wahrnehme, von denen das Zweite Vatikanische Konzil gesprochen habe. Vom christlichen Liebesgebot her gesehen sei es, so Belok, „das Allerwichtigste, wie Menschen in ihrer Beziehung miteinander umgehen, und nicht, in welcher Beziehungsform sie leben“. Zentral sei die „Beziehungsqualität“. Der Theologieprofessor sieht der Ehe denn auch nichts genommen, sollte sie für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden. Auf Anfrage führte Belok aus, dass er „keinen Grund“ sehe, „lesbischen Frauen und schwulen Männern, die als Personen in freiem Entschluss miteinander die Ehe eingehen wollen, abzusprechen, dass auch sie sich ganzheitlich – also leiblich-seelisch, geistig-geistlich, eben in ihrer ganzen Existenz –, als einander ergänzend erfahren“.

Damit aber relativiert der Theologe, wie es scheint, die aufeinander verweisende und angewiesene Leiblichkeit von Mann und Frau als objektives Maß. Was für die Ehe – nicht nur im christlichen Kontext – seit jeher als konstitutiv angesehen worden ist, wird zur „Form“, die im Zuge einer Eheöffnung auch überwunden werden darf. Die Sinndeutung von Sexualität und Leiblichkeit wird dem Subjekt überlassen, wie es in der Gegenwartskultur gang und gäbe ist.

Frauenbund will kirchliche Trauung für alle

„Junge Leute empfinden es immer weniger als sinnstiftend, in einem Frauen- oder Männerkörper geboren zu sein“, lautet der alarmierende Befund der belgischen Sexualtherapeutin Thérese Hargot in ihrem 2017 erschienenen Buch „Sexuelle Freiheit aufgedeckt“. Und der französische Jurist Grégor Puppinck beschreibt unter Titel „Les droits de l?homme dénaturé“ (Die Rechte des denaturierten Menschen, 2018), wie ein „desinkarnierter Individualismus“ materialistischer Prägung den christlichen Humanismus als kulturprägende Kraft abgelöst hat. Der Direktor des „European Center for Law and Justice“ zeigt auf, dass der Umdeutung der Menschenrechte seit 1948 (von natürlichen zu widernatürlichen und schließlich zu transnatürlichen Rechten) eine tiefgehende Transformation des Begriffs „Würde“ zugrunde liegt. Diese meine heute nicht mehr den Menschen in seiner den Leib und die Seele einschließenden Personalität, sondern werde „zusehends auf den individuellen Willen reduziert oder auf den Geist im Gegensatz zum Körper“. Dies aber führe dazu, „jede Überwindung natürlicher Schranken als Befreiung und Fortschritt anzustreben“.

Als einen ideologischen Wegbereiter dieses Kulturwandels nennt Puppinck Julian Huxley, den Bruder des Schriftstellers Aldous Huxley. Der Transhumanist und erste UNESCO-Generaldirektor äußerte 1942 in „Evolution – The Modern Synthesis“ die Ansicht, dass gewisse Eigenschaften des Menschen der Evolution hinderlich wären, was ihn schließlich die Frage aufwerfen lässt, „ob das Ziel nicht darin bestehen sollte, das Säugetier in uns sterben zu lassen, um dem Menschen ein kompletteres Leben zu ermöglichen“.

Mit Blick auf die Gender-Ideologie, die zweifellos Teil dieser Agenda ist, hat der Osnabrücker Sozialethiker Manfred Spieker von einer „neuen Gnosis“ gesprochen (Magazin „Z“, Nr. 15/16, 2016). Aus deren Sicht sind „wir nicht der (…), der wir zu sein scheinen, sondern Götter, die noch in der Körperlichkeit gefangen sind“. Dieser Gnosis gilt die Erkenntnis, dass wir im Hinblick auf Sexualität und Generativität „göttergleiche Alleskönner“ sind, als Bedingung für eine Befreiung, die allein vom menschlichen Willen abhängen soll: „Wir bestimmen dann, was Liebe ist.“ In diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache interessant, dass es bereits zum Arsenal der antiken Gnosis gehörte, die auf Fruchtbarkeit gerichtete Sexualität zu parodieren. Diese wurde als Gebot des bösen Schöpfers gedeutet, um die Menschheit in der Materie zu versklaven.

Unter dem Einfluss eines leibvergessenen Zeitgeistes ist bei vielen Katholiken, auch bei Theologen und Seelsorgern, der Sinn dafür verblasst, wie sehr homosexuelle Beziehung und „Elternschaft“ der „inneren Wahrheit der gegenseitigen Sprache des Leibes“ (Johannes Paul II.) widerspricht. Geniale Gegenmittel wie die Theologie des Leibes des polnischen Papstes, die seit Jahren verfügbar wären, haben bisher noch kaum Verbreitung gefunden. Und so kann die katholische Schweiz nicht behaupten, für den bevorstehenden Kampf um die Ehe geistig gerüstet zu sein. Im Gegenteil: Wer sich für die Ideologie des Gegners so empfänglich zeigt, muss damit rechnen, dass sein Heer sich auflöst oder gar zum Gegner überläuft. Die Waffen bereits gestreckt hat der Vorstand des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes. Dieser ließ im Dezember 2018 die Parole verlauten: „Ja zur Zivilehe für alle, ja zur kirchlichen Trauung für alle.“

Der Autor ist Mitarbeiter der Stiftung Zukunft CH.