„Generationen leben gut zusammen“

Heidelberger Gerontopsychologe Andreas Kruse zum heutigen Auftakt der „Woche für das Leben“. Von Veronika Wawatschek

leitet das Institut für Gerontologie (Altersforschung) an der Universität Heidelberg Foto: Universität
leitet das Institut für Gerontologie (Altersforschung) an der Universität Heidelberg Foto: Universität
Wie fern sind sich Jung und Alt?

Viele unserer Erhebungen zeigen für Deutschland gute, tragfähige Beziehungen zwischen den Generationen innerhalb wie außerhalb der Familie. Von einem Generationenkonflikt kann keine Rede sein, wir beobachten viel Solidarität und Offenheit füreinander. Ich empfehle den politischen Parteien, nicht zu sehr zwischen Jugend und Alter zu trennen, sondern generationenübergreifend zu denken.

Wie sieht es aber im Alltag aus? Etwa, wenn Ältere über Kinderlärm klagen oder Jüngere Älteren keinen Platz in der U-Bahn anbieten?

Auch da finden wir viele Zeichen eines guten Zusammenlebens. Einzelne Konflikte verleiten bisweilen zu der Annahme, die Generationen verstünden sich nicht. Sicherlich gibt es Lebensstile bei Jungen und Alten, die gegenseitig nicht auf Verständnis stoßen. Aber man sollte seine Bewertung der Generationenbeziehungen nicht an einem kritischen Vorfall in der U-Bahn festmachen. Wenn Sie Ältere fragen, ob sie Interesse haben, sich für Jüngere zu engagieren, dann sagen viele: Ja, wenn wir damit jungen Menschen helfen können, gern. Auch Jüngere freuen sich über Unterstützung von Älteren. Entscheidend ist, dass wir mehr und mehr Begegnungsmöglichkeiten schaffen.

Wo könnten sich Generationen begegnen?

Die Kirchengemeinde ist ein gutes Beispiel. Denken Sie auch an Chöre oder an Diskussionsgruppen in der Schule oder in anderen Bildungseinrichtungen. In diesem Zusammenhang finde ich zum Beispiel Bürgerzentren wichtiger als getrennte Jugend- oder Seniorenzentren. In diesen können Jüngere und Ältere ihren Beschäftigungen nachgehen, sich aber auch begegnen und etwas gemeinsam unternehmen. Noch einmal: Man muss die Generationen zusammenbringen, dann wird daraus eine Erfolgsgeschichte.

Wie wichtig ist die Zeit, wenn sich Jung und Alt begegnen?

Sehr wichtig. Die Älteren haben diese Ressource. Wenn sie über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, dann verfügen sie in aller Regel auch über die Zeit, die sie jungen Menschen zur Verfügung stellen können. Diese Zeit fehlt Jugendlichen. Sie fehlt vor allem jungen Menschen, die eine Familie gründen wollen. Diese haben oft wenig Zeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Da können Ältere sehr positiv wirken.

Inwiefern lernen Jung und Alt voneinander?

Beide profitieren sehr für ihre persönliche Entwicklung. Jugendliche sind ja mitten in der Identitätsfindung. Wenn sie auf Ältere treffen, kann dies die Zeitperspektive positiv beeinflussen. Sie begegnen Menschen mit sehr viel Lebenswissen. Im Gegenzug können Jüngere die Älteren motivieren, sich mit neuen geistigen Inhalten auseinanderzusetzen und offen zu bleiben.

Die Gesellschaft altert. Was muss sich in Zukunft ändern, damit die Beziehungen zwischen Generationen weiter besser werden?

Die Arbeitszeit muss flexibler werden. Wer im Alter noch arbeiten kann und will, sollte die Möglichkeit dazu bekommen. Der zweite große Bereich ist das zivilgesellschaftliche Engagement. Wir erkennen, dass auch ältere Menschen bereit sind, sich einzubringen. Dieses Engagement sollte durchaus finanzielle Anreize erhalten. Und drittens muss die soziale Gerechtigkeit auch innerhalb einer Generation betrachtet werden. Wir beobachten schon jetzt eine große finanzielle Ungleichheit unter älteren Menschen. Hier könnten bestimmte Formen einer Umverteilung hilfreich sein, um diese Ungleichheit abzubauen.

Und was sollte die jüngere Generation tun?

Die soll sich ihre Offenheit und Zukunftsperspektive bewahren – und möglichst offen auf andere Generationen zugehen. Dies tun viele heute und sie sollten so weitermachen. DT/KNA