Gastkommentar: Skandalisierung des Sterbens

Von Bernhard Huber

Der Tod des früheren MDR-Intendanten Udo Reiter hat die Diskussion um die Sterbehilfe erneut angefacht. Denn Reiter hat sich das Leben genommen. Für das Recht dazu hat er, der seit 1966 querschnittsgelähmt war, kürzlich noch mit dem Argument geworben, er wolle nicht als Pflegefall enden, der „gefüttert und abgeputzt“ werden müsse. Was in den Menschen vorgeht, die ihn pflegten und die nun seinen Leichnam zu bestatten haben, hat er sich offenbar nicht gefragt.

Prominente lassen sich oft fotografieren, auch um ihr Gesicht einer Kampagne zur Verfügung zu stellen. Dabei richten sich ihre Augen, um über das Bild mit anderen in Kontakt zu treten, offen auf den Betrachter. Bei der Kampagne der „Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben“ (DGHS) ist das anders. Hier verschließen sie die Augen und mimen ihren Tod. Damit ist jeder Widerspruch zwecklos, auch gegen ihre daneben gesetzten sloganartigen Statements, wonach sie, da selbstbestimmt lebend, auch selbstbestimmt zu sterben gedenken. Sie wollen sich also irgendwann töten und kein Gesetz soll sie daran hindern, auch nicht einen sie unterstützenden Arzt. Sogar Gott wird, wie dem die Kampagne begleitenden Appell an Politiker, Ärzte, Journalisten und Christen zu entnehmen ist, das Verfügungsrecht über Leben und Tod abgesprochen. Hatte die Parole „Mein Bauch gehört mir“ zum Ziel, dass Ärzte, die ungeborene Menschen töten, juristisch nicht belangt werden, geht es in dieser Kampagne mit dem Namen „Mein Ende gehört mir! Für das Recht auf Letzte Hilfe“ um die geborenen. Beide Parolen sind nicht nur falsch, sondern auch anmaßend egoistisch. Man hat Mühe, seinen Zorn im Zaum zu halten, wenn man die den Suizid banalisierenden Worte der Schriftstellerin Karen Duve liest, mit denen sie einen bekannten Werbespruch parodiert: „Mein Leben – mein Sterben – mein Entschluss“. Abstrus, geradezu perfide ist es, die aktive Sterbehilfe auch noch als „Letzte Hilfe“ auszugeben und damit die Idee der „Ersten Hilfe“ für etwas zu vereinnahmen, was eine diametral entgegengesetzte Bedeutung hat. Es ist letztlich eine Pervertierung der christlichen Nächstenliebe, die dem Suizid dienstbar gemacht werden soll.

Auch wenn er als „selbstbestimmt“ oder als „menschenwürdig“ schöngeredet wird, der „Freitod“ ist eine Gewalttat des Menschen an sich selbst. Mit der seinen hat Udo Reiter zur Skandalisierung des ganz normalen Sterbens beigetragen, das auch dann zum Leben gehört, wenn es ein „Pflegefall“ ist.

Der Autor ist Geschäftsführer des Familienbundes der Katholiken in Bayern