Gastkommentar: Jacques Hamel – „santo subito“?

Von Prälat Professor Helmut Moll

Am 26. Juli 2016 hatten zwei Männer die Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray (Erzbistum Rouen) während der Eucharistiefeier gestürmt, dabei fünf Gläubige als Geiseln genommen und den 85-jährigen Priester Jacques Hamel ermordet. Als die beiden Angreifer die Kirche verließen, wurden sie von der herbeigeeilten Polizei erschossen. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) reklamierte die Gewalttat für sich.

Die ruchlose Tat erregte Entsetzen. Frankreich war seit geraumer Zeit Ziel islamistischer Anschläge. Aber auch die benachbarten Länder fürchteten neues Unheil. Groß war die Solidarität mit dem Ruhestandsgeistlichen. Der bekannte Ruf „Santo subito“ („Sofort heilig“) erklang aus vielen Mündern. Sollte jedoch auch der unbekannte französische Priester „sofort“ heiliggesprochen werden?

Papst Franziskus hatte am Fest Kreuzerhöhung (14. September) in seiner Hauskapelle gemeinsam mit Erzbischof Dominique Lebrun (Rouen) und Angehörigen Hamels eine Gedenkmesse gefeiert. In seiner Homilie betonte er: „Dem Priester Jacques Hamel wurde (…) die Kehle durchgeschnitten, genau in dem Augenblick, als er im Begriff war, das Kreuzesopfer Christi zu zelebrieren. (…) Aber da ist etwas in diesem Mann, der sein Martyrium dort am Altar zusammen mit dem Martyrium Christi angenommen hat“. Und weiter: „Dieses mutige Beispiel (…) möge uns allen helfen, furchtlos weiterzugehen. (…) Er ist ein Märtyrer, und die Märtyrer sind Selige“.

Bereits am 15. September wurde in der Kirche San Bartolomeo auf der Tiber–Insel das Brevier des 85-jährigen Priesters hinterlegt. An der Zeremonie nahm auch Erzbischof Lebrun teil. Die Basilika bewahrt dort Reliquien und Erinnerungsgegenstände von Christen unterschiedlicher Konfession, die aufgrund ihres Glaubens Zeugnis gegeben haben, nachdem Papst Johannes Paul II. die Kirche im Jahre 2002 den Blutzeugen des 20. Jahrhunderts gewidmet hatte. Gleichwohl unterstreicht die Instruktion Sanctorum Mater vom 16. Dezember 2006, ein Diözesanbischof dürfe einen Prozess nur eröffnen, wenn die private Verehrung ebenso spontan wie andauernd ist (Art. 7). Darüber hinaus legen die Richtlinien der Heiligsprechungskongregation für die Bischöfe vom 7. Februar 1983 fest, das Gesuch dürfe nicht vor dem fünften Jahr nach dem Tod des Dieners Gottes gestellt werden (Art. 9a). Ausgenommen wurden nur Mutter Teresa und Johannes Paul II. wegen des weltweiten und andauernden Rufes ihrer Heiligkeit.

Der Autor war von 1993 bis 2004 Konsultor an der römischen Heiligsprechungskongregation; er ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts.