Gastkommentar: Das gute Recht der Armenier

Von Jaklin Chatschadorian

Dank großspuriger Sport- und Musikveranstaltungen hat man bei uns ein nicht allzu kritisches Bild des aserbaidschanischen Staates. Der Reichtum des Landes suggeriert Moderne und macht, auch aufgrund gut finanzierter Lobbyarbeit, gerade auch in Deutschland, grundsätzlich sympathisch. Politische Bündnisse mit westlichen Staaten und die mediale Sprache in Deutschland, die hier gern von Besatzung und Völkerrechtsbruch spricht, begünstigen das Bild der aserbaidschanischen Propaganda, welche den Anschein erweckt, es sei den Christen um die reine Gier, um bösartige Landnahme gegangen. Dabei ist die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts durch die Bevölkerung Berg-Karabachs auf Grundlage des Staatsrechts der UdSSR durch wirksames Ausscheiden aus der Sowjetrepublik ebenso rechtmäßig wie nach den Grundsätzen des Völkerrechts. Die Unabhängigkeit wurde am 10.12.1991 durch Volksabstimmung deklariert. Das Verfahren war rechtlich einwandfrei und nicht durch Drittstaaten oder Fremdinteressen beeinflusst gewesen. Das Recht zur Sezession ergab sich aus der Situation vorhandener Unterdrückung. Das armenisch besiedelte Berg-Karabach war den Bedrohungen der Nationalisten ausgesetzt. Diskriminierung und Übergriff, Rassismus in seiner lebensbedrohlichen Form, bestimmten den Alltag der Menschen.

Panturkistische Ideologien sind schließlich, wie in der Türkei, seit jeher Teil aserbaidschanisch-völkischen Denkens. Die enge Beziehung beider Staaten, die Bezeichnung als Brudervolk, rührt ebenso daher wie der Hass auf das armenische Volk. Man hat den Armeniern schlicht das Überleben des Genozides nicht verziehen. Darüber hinaus ist der werdende Sultan Erdogan gerade dabei, Europa vorzuführen und wird nunmehr von Präsident Ilham Aliyev bereitwillig unterstützt. Die Motivation hinter der Staatsaffäre Böhmermann ist die gleiche wie hinter dem von Erdogan stets betonten Vorwurf der Unfähigkeit der (mit der Konfliktlösung beauftragten) OSZE-Gruppe.

In die Konfliktbeurteilung einbezogen werden muss auch, dass, obwohl Aserbaidschan nicht als typisch islamischer Staat betrachtet werden kann, dort in den letzten Jahren eine große Welle der radikalen Islamisierung von allen Schichten der Bevölkerung festzustellen ist. Die Radikalisierung islami(sti)scher Grundüberzeugungen wie der Christenfeindlichkeit fällt in Aserbaidschan auf fruchtbaren Boden. IS-Schergen finden sich im Karabach-Konflikt ebenso wie aserbaidschanische Volkszugehörige im Syrienkonflikt.

Die Autorin ist Vorsitzende des Zentralrates der Armenier in Deutschland.