GASTKOMMENTAR: Keine Gewalt über das Leben

Mit einem Grundsatzurteil zur Sterbehilfe hat der Bundesgerichtshof (BGH) am 25. Juni das Selbstbestimmungsrecht von Patienten gestärkt. Der Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen auf der Grundlage des Patientenwillens sei nicht strafbar; ein zulässiger Behandlungsabbruch könne nicht nur durch Unterlassen, sondern auch durch aktives Tun vorgenommen werden. Anlass zu diesem Urteil war, dass ein Rechtsanwalt seiner Mandantin geraten hatte, den Ernährungsschlauch durchzuschneiden, über den deren im Wachkoma liegende Mutter versorgt wurde. Die Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) begrüßt dieses Urteil als Ausdruck der souveränen Selbstbestimmung in allen Lebenslagen. Sie akzeptiert damit die tatsächliche Verwässerung der Grenzlinie zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe und reduziert das Problem auf die allgemein postulierte Selbstbestimmung, die allerdings in ihrer durchgesetzten Unbedingtheit zur Ideologie wird. Hemmungslose Autonomiesucht ist die Folge.

Kein Mensch hat je Verfügungsgewalt über das Leben, weder über das eigene, noch über das anderer. Es ist in seiner bleibenden Würde unantastbar (vgl. GG), selbst wenn es schwach und hinfällig geworden ist. Auch Angehörige dürfen sich nicht anmaßen, über Leben und Tod eines Familienmitgliedes zu entscheiden.

Nach dem fundierten Verständnis der Kirche kann Sterbehilfe immer nur heißen, Beistand und Begleitung im Sterben zu leisten. Keinesfalls ist damit Hilfe zum Sterben bemeint, die eine direkte Herbeiführung des Todes ist. „Die einvernehmliche Tötung gleicht eher dem Eingeständnis einer Niederlage, die vor der Aufgabe menschlichen Sterbebeistands resigniert, als einer wirklichen Hilfe für die Sterbenden“ (Eberhard Schockenhoff). Auch wenn, wie berichtet, die evangelische Kirche das BGH-Urteil begrüßt und darin die Stärkung des Patientenwillens sehen möchte, wird die katholische Kirche sich nicht damit abfinden, dass die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens in diesem Urteil in Frage gestellt wird. Die Haltung unserer Kirche ist unaufgebbar eindeutig: „Willentliche Euthanasie, gleich in welcher Form und aus welchen Beweggründen, ist Mord. Sie ist ein schwerer Verstoß gegen die Würde des Menschen und gegen die Ehrfurcht vor dem lebendigen Gott, seinem Schöpfer“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2324).

Jedwede Abweichung von dieser Norm wird sich zukünftig rächen.

Der Autor ist Bischof von Fulda.