GASTKOMMENTAR: Einheitsfeiern und ihre Folgen

Auf dem Weg zum Flughafen Berlin sagt der Taxifahrer: „Am 9. November war mehr los in der Stadt. Da waren auch viele Ausländer zum Feiern des Mauerfalls in Berlin. Naja, der 9. November hätte vielleicht doch besser als Feiertag gepasst als der 3. Oktober.“ Eine Bekannte aus Bayern sei fest davon überzeugt, der 3. Oktober genommen wurde, weil das der Todestag von Franz-Josef Strauß ist. Wer weiß heute noch, dass der 3. Oktober als Tag des Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes einem simplen Rechenkalkül entsprang, das den Fristen geschuldet war: damit am 2. Dezember 1990 die ersten gesamtdeutschen Wahlen stattfinden konnten?

Nun ist der 3. Oktober unser Nationalfeiertag, und wir feierten ihn heuer zum 20. Mal. In zwei Jahrzehnten ist eine Generation herangewachsen, für die die Zeit der Teilung unseres Vaterlandes, die Zeit von Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl, die Zeit von zwei miteinander konkurrierenden politischen Systemen und Staaten auf deutschem Boden Geschichte ist und Erzählstoff von Eltern und Großeltern. Feiertage sind Anlässe, Rückblick zu halten, damit die Vergangenheit nicht vergessen wird, und Gelegenheit für Versuche, in die Zukunft zu schauen. Sicher ist der 9. November als der Tag, an dem die Grenze aufging, ein Tag größerer Emotionen als der 3. Oktober, an dem gerechnet und verglichen wird und mancher das immer noch Trennende zwischen den ehemals geteilten Landeshälften in den Vordergrund stellt – im sozialen, wirtschaftlichen Bereich oder darin, dass immer noch allzu viele „da im Osten“ eine Partei wählen, die zu den Erben der SED gezählt werden muss. Dass vier Jahrzehnte Abschottung des Landes und Erziehung in einem totalitären System wie dem der DDR Spuren hinterließ, auch in den Köpfen von Menschen, wovon die Zurückdrängung des Christentums sicher eine der schmerzlichsten Erfahrungen ist. Dennoch: Die Einheit unseres Landes ist unumkehrbar.

Das vereinigte Deutschland wird von seinen Nachbarn nicht als Bedrohung empfunden. Es ist aufgehoben in der Staatengemeinschaft der europäischen Völker und geachteter Partner weltweit. Die deutsche Einheit steht für ein Modell solidarischen staatlichen Handelns.

Es zeichnet sich ab, dass bestimmte Unterschiede sich bald nicht mehr generell nach Ost und West werden klassifizieren lassen. Aber Tatsache ist auch, dass dieser Prozess noch länger dauern wird, als von vielen erhofft oder gedacht.

Der Autor ist CDU-Politiker und

Mitglied des Europäischen Parlaments.