Freizeitkrieger gesucht

Die NATO genügt nicht: Die polnische Angst vor Russland treibt seltsame Blüten. Von Stefan Meetschen

Das Raketenabwehrsystem Patriot ist mittlerweile auch in Polen stationiert. Foto: dpa
Das Raketenabwehrsystem Patriot ist mittlerweile auch in Polen stationiert. Foto: dpa

In Polen gibt es nicht nur Fußball, Volleyball oder Tennis – auch das Nachspielen historischer Kämpfe und Kriege gehört zum Volkssport. Von der mittelalterlichen Schlacht bei Grunwald (Tannenberg) im Jahr 1410, als den Kreuzrittern des Deutschen Ordens von polnischer Seite eine empfindliche Niederlage versetzt wurde, bis hin zum Polnisch-Russischen Krieg 1920, der mit dem Wunder an der Weichsel siegreich für Polen endete und den Westvormarsch der Bolschewiken stoppte, oder einigen denkwürdigen Schlachten des Zweiten Weltkriegs findet man alles im gegenwärtigen martialischen Freizeit-Angebot.

Doch – der russische Präsident Wladimir Putin und die NATO machen's möglich – auch zukünftige denkbare Schlachten wecken offenbar immer stärker das Interesse unserer östlichen Nachbarn. Sogenannte paramilitärische Verbände Polens registrieren jedenfalls seit dem Beginn der Ukraine-Krise und Krim-Annexion einen stetigen Zulauf. Über 43 000 Mitglieder sollen diese verschiedenen Freizeitkriegs-Verbände inzwischen haben – militärische Übungen und Schießausbildung nach Feierabend garantiert. Was im pazifistischen Deutschland nur leichtes Stirnrunzeln auslösen würde, wirkt in Polen geradezu selbstverständlich.

Schließlich wäre es nicht das erste Mal, dass die Polen die Verteidigung ihres Landes in die eigenen Hände nehmen müssten. Das gebrochene militärische Hilfs- und Solidaritätsversprechen der westlichen Alliierten nach dem Überfall Nazi-Deutschlands 1939, als Frankreich und Großbritannien entgegen ihren vormaligen Bekundungen tatenlos zusahen, wie Polen von Hitlers Wehrmacht und Stalins Roter Armee in die Knie gezwungen wurde, ist unvergessen. Mindestens einen Partisanen oder heroischen Untergrund-Kämpfer kann jede polnische Familie von heute vorweisen. Wenn nicht den Vater, dann doch den Großvater oder wenigstens den Urgroßvater. Frei nach dem Motto: Mein Land, mein Haus, meine Waffe.

So überrascht es auch nicht, dass in diesen Zeiten neuer russisch-europäischer Spannungen, gestützt durch Militärübungen und rhetorische Wortgefechte, polnische Politiker sich ganz offen für eine Integration derartiger ehrenamtlicher Kampfverbände in die polnische Armee aussprechen. Dies könne die Sicherheit des Landes nur erhöhen, ist Polens nationaler Sicherheitsberater Stanis³aw Koziej (PO) überzeugt. Etwa durch gemeinsame Kurse und Übungen. Auch Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak und der frühere Außenminister und jetzige Sejm-Marschall Rados³aw Sikorski (beide PO) sind sich sicher, dass es sinnvoll ist, die professionellen polnischen Streitkräfte und die paramilitärischen Verbände immer enger zusammenzuführen, um für den Ernstfall – einen russischen Angriff – gerüstet zu sein. Sikorski, der früher als Kriegsreporter in vielen heißen Gegenden der Welt unterwegs war, möchte zudem, dass alle Parlamentarier unter 50 Jahren eine Militärausbildung im Kurzverfahren absolvieren, um damit den jungen Menschen „ein Beispiel zu geben in Zeiten, in denen man vorbereitet sein sollte, das Vaterland zu verteidigen“.

Patriotische Worte, die vor der Ukraine-Krise eigentlich nur aus der Ecke von Jaros³aw Kaczyñskis national-konservativer PiS-Partei zu hören waren. Gerade im Zusammenhang mit dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine in Smolensk 2010, bei dem Kaczyñskis Zwillingsbruder, der damalige polnische Präsident Lech Kaczyñski ums Leben kam. Für PiS-Politiker steht bis heute fest, dass die Maschine nicht durch einen Pilotenfehler aufgrund von Alkoholeinfluss (wie es im russischen Untersuchungsausschuss steht) von ihrem normalen Flugweg abkam, sondern durch Sabotage oder sogar eine Bombe. In jedem Fall durch russische Geheimintervention. Eine Theorie, die von der Regierungspartei PO stets vehement abgestritten wurde, inzwischen jedoch bei immer mehr polnischen Journalisten und Politikern auf Verständnis, wenn nicht sogar Zustimmung stößt. Doch ganz möchte man auf Seiten der Regierung die Sicherheitsunterstützung offenbar doch nicht in den Händen der Amateure lassen. Am Wochenende zeigte sich Verteidigungsminister Siemoniak stolz bei amerikanischen Soldaten auf einem Truppenübungsplatz östlich von Warschau. Das Flugabwehrraketensystem Patriot wurde präsentiert, das bei einem eventuellen russischen Angriff auf die polnische Hauptstadt zum Einsatz kommen soll. Begleitend zur sogenannten „Speerspitze“ der NATO, der Stationierung von mehr Soldaten und Waffen gegen Russland in Polen und Litauen. Dazu wurde am Dienstag bekannt, dass in den vergangenen Wochen bereits über 500 polnische Reservisten angeschrieben worden sind, um sich bei der für sie zuständigen Militäreinheit zu melden. Hintergrund: Bis Ende dieses Jahres sollen insgesamt 12 000 Reservisten an militärischen Übungen teilnehmen. Eine solche Einberufungswelle gab es zuletzt vor sieben Jahren. Damit der Reservebereitschaft nicht genug: Ab 2017, so hört man aus dem Verteidigungsministerium, sollen jährlich 37 000 Reservisten an Übungen teilnehmen.

Für kurzzeitige Erheiterung in dieser ernsten, angespannten Atmosphäre, die von den polnischen Medien mit reißerischen Artikeln zum angeblich bevorstehenden Dritten Weltkrieg befeuert wird, sorgte jedoch ausgerechnet Präsident Bronis³aw Komorowski, der es sich bei einem Staatsbesuch in Japan nicht nehmen ließ, zu Fuß auf den Sessel des dortigen Parlamentspräsidenten zu steigen und den mitgereisten Sicherheitschef Koziej um ein Handy-Foto zu bitten. „Mach ein Foto, Shogun“, rief er dem quirligen Sicherheitsfachmann zu. Der Mitschnitt dieser amüsanten Aktion hat sich via Youtube längst zum Kultvideo entwickelt, so dass viele Polen beim Schutz vor Putin nicht nur auf die Armeen und paramilitärischen Kräfte vertrauen, sondern auch auf die dritte militärische Geheimwaffe des Landes: „Shogun“ alias Stanis³aw Koziej.