Franziskus auf diplomatischer Mission im Kaukasus

Nach seiner Armenien-Reise im Juni besucht der Papst nun das mehrheitlich schiitische Aserbaidschan. Von Stephan Baier

Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev (Mitte) legt großen Wert auf gute Beziehungen zu den mächtigen Nachbarn Iran und Russland. Im August empfing er die Präsidenten Hassan Ruhani und Wladimir Putin in Baku. Foto: dpa
Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev (Mitte) legt großen Wert auf gute Beziehungen zu den mächtigen Nachbarn Iran und R... Foto: dpa

Eine Pastoralreise ist der eintägige Kurzbesuch von Papst Franziskus am 2. Oktober in Aserbaidschan eher nicht. Selbst für einen Papst, der an die Peripherie geht, ist die Herde der Christgläubigen in diesem Land des Kaukasus dafür zu klein. Jedoch wagt Franziskus eine heikle diplomatische Mission, hatte er doch im Juni Armenien besucht und dort für einen Dialog zur Lösung des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts um Berg Karabach geworben. Sollte es dem Papst gelingen, diese Türe auch nur einen Spalt breit zu öffnen, so wäre das nicht weniger sensationell als seine Vermittlung zwischen Kubas Raúl Castro und US-Präsident Barack Obama.

Abgesehen von kleinen Minderheiten der Lesgier, Russen, Talyschen, Awaren, Tataren, Türken, Georgier und sogar Armenier, ist das knapp zehn Millionen Einwohner zählende Aserbaidschan zu mehr als 90 Prozent von Aseris besiedelt, die sich als Brudervolk der Türken sehen und traditionell enge Beziehungen zum Iran pflegen. Ihre Sprache ist eine Turksprache, die in Aserbaidschan und im Iran für mindestens 20 Millionen Menschen Muttersprache ist. Während die Türken dem sunnitischen Islam anhängen, sind die Aserbaidschaner zu rund 85 Prozent Schiiten.

Öl und Gas sind nicht erst in unserer Zeit der Reichtum des Landes. Bereits im Mittelalter exportierte die Region das „griechische Feuer“. Im Reich der persischen Sassaniden dienten Fundorte von Öl und Gas als wichtige Einnahmequelle und Kultstätten zugleich. Am Ende des 19. Jahrhunderts förderten die Ölfelder dieser Region die Hälfte der weltweiten Erdölproduktion; die Bevölkerung Bakus explodierte regelrecht. Heute stellt die Erdölindustrie den wichtigsten Zweig der wachsenden Wirtschaft des Landes dar. Darum aber brachte der zuletzt fallende Rohölpreis Wirtschaft und Währung auch enorm unter Druck.

Die Aseris hatten sich, wie viele ihrer Nachbarn, in ihrer Geschichte gegen mächtige Eroberer zu wehren: etwa gegen Perser, Römer, Hunnen, Araber, Seldschuken und Mongolen. Als mehrere aserische Khanate den Zaren um Hilfe gegen die Perser ersuchten, kam es zu russisch-persischen Kriegen, an deren Ende zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Teilung des Landes stand: Seitdem lebt mehr als die Hälfte des Volks im Perserreich, dem heutigen Iran, während der Norden russisch dominiert war. Die im Mai 1918 ausgerufene Aserbaidschanische Demokratische Republik erwies sich als kurzlebig: Obgleich sie von vielen Staaten rasch anerkannt wurde, war es mit der Eigenstaatlichkeit nach weniger als zwei Jahren vorbei. Lenins Bolschewiki eroberten das Land, schlossen es zeitweise mit Georgien, Abchasien und Armenien zur „Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik“ zusammen und unterzogen das Land einer brutalen Sowjetisierung. Diese ging mit einer sprachlichen Russifizierung und dem Kampf gegen das nationale wie auch das religiöse Erbe einher.

Seine Unabhängigkeit gewann Aserbaidschan erst im Oktober 1991 zurück, und dies unter schweren Verlusten an Menschenleben und Staatsgebiet. Bis heute ungelöst ist der Konflikt um das Gebiet von Berg Karabach, der Zehntausende das Leben und Millionen die Heimat kostete. Die Kampfhandlungen sind zuletzt heuer im Frühjahr wieder aufgeflammt. Das Staatsoberhaupt, das den Papst am 2. Oktober in der Hauptstadt Baku empfangen wird, ist Ilham Aliyev, der Sohn des früheren Staatspräsidenten Heydar Aliyev. Er wird Franziskus im Präsidentenpalast wohl erläutern, warum sich sein Land als „Brücke zwischen Asien und Europa“ versteht. Tatsächlich legt Baku großen Wert auf gute Beziehungen zu den mächtigen Nachbarn Russland, Iran und Türkei, wirtschaftlich auch zu den USA und Europa. Keine Annäherung gibt es dagegen an den Nachbarn Armenien, und dies vor allem wegen des Streits um Berg Karabach, das die Aserbaidschaner „Quarabag“, die Armenier „Arzach“ nennen.