Flugblätter der Freiheit

Die früheren staatstragenden DDR-Medien können im wiedervereinigten Deutschland weiter Meinung machen und Geld verdienen (DT vom 13. September) – die Bürgerrechtsbewegung der DDR dagegen, die das Regime zu Fall brachte, hat keine eigene journalistische Stimme, die die Wende überlebt hätte. Eine Erklärung, warum das so ist. Von Vera Lengsfeld

Der „Grenzfall“ war eines der unabhängigen Informationsblätter der Bürgerrechtsbewegung in der DDR gewesen. Hier der Erstdruck. Bisweilen erreichte das Blatt eine Auflage von 800 Stück. Foto: www.jugendopposition.de/Robert-Havemann-Gesellschaft
Der „Grenzfall“ war eines der unabhängigen Informationsblätter der Bürgerrechtsbewegung in der DDR gewesen. Hier der Ers...

Nicht nur die Bevölkerung, auch die politischen Beobachter im Westen waren überrascht, als die scheinbar zementierten Verhältnisse in der DDR ins Wanken gerieten. Noch im Frühsommer 1986 kam eine Journalistendelegation der Hamburger liberalen Wochenzeitung „Die Zeit“ unter Führung von Theo Sommer zu der Ansicht, DDR-Bürger bildeten Schlangen vor den Läden, nicht weil Mangel herrschte, sondern aus „Sehnsucht nach Qualität“. Eben diese qualitätsbewussten Menschen brächten dem Partei- und Staatsoberhaupt Erich Honecker so etwas wie „stille Verehrung“ entgegen. Von einer Opposition gegen das Regime, die in Gestalt der unabhängigen Friedens- und Umweltbewegung seit Anfang der achtziger Jahre aktiv war, haben die „Zeit“-Redakteure selbstverständlich nichts bemerkt.

Der erste Friedenskreis war Anfang der achtziger Jahre in Berlin-Pankow gegründet worden. Nach dem Vorbild dieses Kreises bildeten sich in schneller Folge etwa 300 Friedens- und Umweltkreise in der gesamten DDR. Diese Gruppen hatten den einzigen Freiraum entdeckt, den es in der DDR gab: die Räume der Evangelischen Kirche. Solange eine Kirchengemeinde Aktivitäten tolerierte, konnten in kirchlichen Räumen Versammlungen abgehalten, Diskussionen durchgeführt, Ausstellungen gezeigt, Lesungen und Konzerte mit Schriftstellern und Musikern veranstaltet werden, denen öffentliche Auftritte bereits verboten waren. Die Staatssicherheit konnte zwar ihre Inoffiziellen Mitarbeiter schicken und sich berichten lassen, sie war aber nicht befugt, Versammlungen aufzulösen, Veranstaltungen zu verhindern oder Ausstellungen zu schließen. Möglich war das, weil die Evangelische Kirche anerkannt hatte, „Kirche im Sozialismus“ zu sein und die Regierung Honecker dafür die Unverletzlichkeit der kirchlichen Räume garantierte. Honecker brauchte die Kirche, um sein Ziel, ein auch im Westen anerkannter Staatsmann zu werden, zu erreichen. Die Katholische Kirche dagegen lehnte eine Legitimierung der DDR-Regierung ab.

Für die Opposition der DDR bot die Evangelische Kirche den nötigen Schutz, ohne den sie sich nicht hätte entwickeln können.

Kümmerliche Auflagen, aber große Wirkung

Als die Bürgerrechtler mutiger wurden, begannen sie, kleine Publikationen herauszugeben. Das waren anfangs Flugblätter, die sich auf das Thema der Veranstaltung bezogen und Fakten zum Nachlesen boten. „Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ musste auf all' diesen Zetteln stehen, sonst wären sie illegal gewesen. Nachdem klar war, dass man es tun konnte, begann bald das Nachdenken über eigene kleine Zeitungen. Den Anfang machten 1986 die „Umweltblätter“ der „Umweltbibliothek“, die in den Räumen der Zionsgemeinde in Berlin ihr Domizil hatte. Sie kam alle zwei Monate heraus, in einer „Auflage“ von etwa 100 Exemplaren. Bald folgten 1987 der „Friedrichsfelder Feuermelder“, später der „Grenzfall“. Diese Publikationen wurden anfangs mühsam mit der Schreibmaschine abgetippt und von Hand geheftet. Später konnten sie auch auf Druckern gedruckt werden, die von der westdeutschen Partnergemeinde gespendet wurden. So kümmerlich die Auflagenhöhe klingt – keine Zeitung hat den Auflage-Rekord des „Grenzfall“ von 800 Exemplaren je überboten –, hatten sie doch eine viel größere Wirkung. Jedes Exemplar zirkulierte und wurde von mindestens zehn Menschen gelesen. Von diesen zehn setzten sich mindestens zwei oder drei hin und tippten die Zeitung nochmal ab. Begehrt waren diese Publikationen, weil sie jede Menge Informationen enthielten, die anders nicht zu bekommen waren. Wie wirkungsvoll es sein konnte, wenn ein Thema aufgegriffen wurde, erwies sich, als die „Umweltblätter“ sich 1988 entschlossen, über die später sogenannte Ossietzky-Schulaffäre zu berichten. Wenige Wochen vorher waren neun Schüler dieser Schule wegen „pazifistischer Plattformbildung“ relegiert worden, was bedeutete, dass sie nirgends mehr Abitur machen durften. Anfangs hatten einige Eltern der betroffenen Schüler auf Rat des hinzugezogenen Anwalts Gregor Gysi öffentlich Stillschweigen über die Vorkommnisse bewahrt. Sie hofften durch Verbindungen zu Politbüro-Mitgliedern die Relegierung rückgängig machen zu können. Wie vergeblich diese Hoffnung war, stellte sich nach der Stasiaktenöffnung 1992 heraus, als bekannt wurde, dass ein Maßnahmeplan der Staatssicherheit existierte. Erst als die „Umweltblätter“ den Fall publik machten, formierte sich eine große Protestbewegung zur Unterstützung der Schüler. Die Ossietzky-Affäre wurde breit in den Westmedien berichtet. Sie wurde so brisant, dass am Jahrestag der Relegierung, im Oktober 1989, das SED-Bezirksorgan „Berliner Zeitung“ unter dem Eindruck der Montagsdemonstrationen die Frage stellte, ob die Ossietzky-Schüler nicht wieder zugelassen werden müssten.

Für die Verbreitung von Nachrichten aus der Bürgerbewegung der DDR im Westen sorgte ein Mann, der heute als Leiter der Stasiunterlagenbehörde bekannt ist, Roland Jahn. Jahn war 1983 Mitbegründer der oppositionellen „Friedensgemeinschaft Jena“. Er wurde noch im gleichen Jahr zwangsausgebürgert, indem man ihn gefesselt in einen Interzonenzug legte. In den folgenden Jahren wird die Staatssicherheit ihre böse Tat oftmals bereut haben, denn Jahn wurde der „Pressesprecher“ der Bürgerrechtsbewegung im Westen. Dank Jahn wurden etliche Artikel aus den oppositionellen Zeitungen im Westen publiziert.

Im Herbst 1989 konnten die kleinen Zeitungen der Bürgerbewegung den Informationsbedarf nicht mehr bewältigen. Die Ereignisse überschlugen sich, fast jeden Tag wurde in einer anderen Stadt mit dem Demonstrieren begonnen. Die Redaktion der „Umweltblätter“ versuchte, auf die neuentstandene Situation zu reagieren. Sie bat die Redakteure des „Friedrichsfelder Feuermelder“ und des „Grenzfall“ mit dem Ziel zum Gespräch, eine gemeinsame Zeitung zu gründen. Heraus kam der „telegraph“, der zum ersten Mal am 10. Oktober 1989 erschien. Während der Herbstrevolution war der „telegraph“ der einzige Berichterstatter der Bürgerbewegung. Da aber von Anfang an Aktivisten des Antifa-Infoblattes Ostberlin dabei waren, entwickelte sich das Blatt bald zum ultralinken Sprachrohr der Vereinigungsgegner. Der „telegraph“ erscheint heute noch, ohne jemals mehr geworden zu sein als ein Nischenblatt.

SED-Nachfolger überziehen Neugründungen mit Klagen

Im Dezember 1989 startete der BasisDruck-Verlag, dessen Gründer Klaus Wolfram als Mitglied des „Neuen Forums“ im weitesten Sinne der Oppositionsbewegung zuzurechnen ist. Im Januar 1990 erschien die erste Ausgabe der Wochenzeitung „die andere“, die bald durch mehr oder weniger sensationelle Enthüllungen von inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Staatssicherheit Furore machte. In den folgenden Monaten wurde die Zeitung von einer Prozesswelle überzogen, angestrengt von den enttarnten IMs, die sicher dazu beigetragen hat, dass dem Projekt keine lange Lebensdauer beschieden war.

Weitere Versuche, eine eigene Zeitung herauszugeben, hat es in der Bürgerrechtsbewegung nicht gegeben. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Die Auslese unter den Bewerben für ein Studium der Journalistik war in der DDR besonders hart. Nur die treuesten Anhänger des Regimes schafften es auf das „Rote Kloster“, wie die Sektion Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig treffend im Volksmund hieß. Unter den mehr als dreitausend aktiven Bürgerrechtlern der achtziger Jahre befanden sich meines Wissens keine Journalisten. Wer in den Blättern der Bürgerbewegung publizierte, hatte sich das Handwerk selbst angeeignet. Von daher fehlte es an Fachwissen, das für den Aufbau einer Zeitung notwendig ist. Es gab auch keinerlei Bestrebungen, eine der existierenden Zeitungen für sich zu reklamieren, was möglich gewesen wäre, wenn man die SED enteignet hätte. Diese Fehler sind vor allem begangen worden, weil sich die Ereignisse nach dem Mauerfall überschlugen. Praktisch alle Bürgerrechtler saßen an den Runden Tischen, die nach dem Vorbild des Zentralen Runden Tisches auf allen Ebenen Regierungsaufgaben übernommen hatten, weil die noch herrschende SED keine Autorität mehr besaß. Nachdem Ende Januar festgelegt worden war, dass am 17. März 1990 die ersten freien Volkskammerwahlen stattfinden würden, kamen die Wahlvorbereitungen dazu. Die Bürgerrechtsbewegung hatte weder die personellen noch die finanziellen Kapazitäten, eigene Medien aufzubauen. Das wurde anfangs auch nicht als negativ vermerkt, weil Bürgerrechtler gefragte Gesprächspartner für Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen waren.

Gysi diskutiert bis heute nicht mit Klier und Lengsfeld

Erst in der Volkskammerzeit wurde klar, dass die überwältigende Mehrzahl dieser Interviews für ausländische Medien stattgefunden hatte, während im Inland vor allem die in PDS umbenannte SED zu Wort kam, deren neuer Vorsitzender Gysi ein Glücksfall für die Partei war, weil er nicht nur unbelastet schien, sondern sich hervorragend darstellen konnte. Es kam hinzu, dass er als Anwalt der Opposition galt, nachdem er als junger Absolvent dem bekanntesten Regimekritiker der DDR, Robert Havemann, als Pflichtverteidiger beigegeben wurde. In der Folge gelang es Gysi, sich Havemanns Vertrauen zu erschleichen. Gysis Redetalent waren bald auch alle Westmedien erlegen. Kein anderer Politiker war so häufig Gast in Talkshows wie der eloquente Anwalt. Das änderte sich auch nicht, als die Stasiverstrickungen des PDS- Alleinunterhalters ruchbar wurden.

Wenn es doch ein Medium gab, das sich kritisch mit Gysis Stasivergangenheit auseinandersetzen wollte, wurde es mit Prozessen überzogen, sodass es irgendwann aufgab. Niemand hat so viele Prozesse gegen Medien geführt wie Gysi. Es gelang ihm, sogar davon abzulenken, dass der Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages in der 14. Wahlperiode die Stasimitarbeit von Gysi als erwiesen angesehen hat. Bis heute ist Gysi ein gefragter Gast in vielen Sendungen. So gefragt, dass er sich aussuchen kann, mit wem er diskutieren will und mit wem nicht. Bürgerrechtler wie Freya Klier und ich, früher auch Bärbel Bohley, die ihm erfolgreich widersprechen könnten, sind nicht zugelassen. Solange sich da nichts ändert, wird die bestehende Asymmetrie der öffentlichen Wahrnehmung der Bürgerrechtsbewegung und der SED-Linken bestehen bleiben.