Fatima und das schale Salz

Der Besuch Benedikts XVI. in Fatima war eine Rückkehr zu den Wurzeln des christlichen Glaubens, die sich weder die Wissenschaft noch der gesunde Menschenverstand nach den Gesetzen einer rein weltlichen Logik erschließen können. Der Papst hat in Portugal leise gesprochen. Er trumpfte nicht auf, da hallten keine Donnerworte, noch suchte er die ganz große Geste. Auf seine ganz persönliche Weise führt Papst Benedikt die Kirche durch das, was man seit Monaten eine ihrer schwersten Krisen nennt. Schon auf dem Flug nach Lissabon hatte er diese Krise beim Namen genannt: Es seien die Sünden in ihrem Inneren, die „auf wahrhaft erschreckende Weise“ die größte Verfolgung der Kirche darstellten. Bei einem weltlichen Unternehmen, das in der Krise steckt, würde man das Management austauschen, für mehr Flexibilität und Nachhaltigkeit sorgen. Da aber die Kirche kein weltlich Ding ist, sondern auf geheimnisvolle Weise die getauften Seelen auf Erden, in der ewigen Seligkeit und im Fegefeuer vereint, nannte der Papst vor den Journalisten die einzige Medizin, die die Kirche auf Erden heilen kann: „die Umkehr, das Gebet, die Buße und die göttlichen Tugenden“.

Noch auf dem Weg nach Fatima, am Dienstag in Lissabon, faltete Papst Benedikt aus, worin diese Umkehr bestehen müsse: Dass alle Christen wieder „zu einer leuchtenden Vergegenwärtigung der Ideale des Evangeliums inmitten der Welt“ würden. Man sorge sich oft um die sozialen, kulturellen und politischen Auswirkungen des Glaubens, meinte der Papst, und gehe wie selbstverständlich davon aus, „dass dieser Glauben auch vorhanden ist, was leider immer weniger der Wirklichkeit entspricht“. Man habe ein zu großes Vertrauen in die kirchlichen Strukturen und Programme gelegt, in die Verteilung der Macht und der Aufgaben.

Aber, so fragte der Papst bei seiner Predigt während des Gottesdienstes in der portugiesischen Hauptstadt, was werde geschehen, wenn das Salz schal geworden ist? Damit das nicht geschehe, damit das Salz nicht schal werde und die Kirche aus der Krise herausfinde, müsse das Ereignis des Todes und der Auferstehung Christi von Neuem kraftvoll und freudig verkündet werden. Die Auferstehung Christi schaffe die Sicherheit, dass keine gegnerische Macht die Kirche je zerstören könne. Es gibt Orte in der Kirche, da ist dieser Glaube an den wirkmächtigen Jesus Christus, der allein in der Lage ist, wie der Papst in Lissabon sagte, „die tiefen Wünsche jedes menschlichen Herzens voll zu erfüllen und auf die Fragen über das Leid, die Ungerechtigkeit und das Böse, über den Tod und das Leben im Jenseits, Antwort geben“, so schwach geworden, dass selbst die „eigenen Leute“ den Papst nicht mehr verstehen. Da zählen nur noch Strukturen und Richtlinien, die Aufteilung von Macht und Pöstchen, das Vorankommen auf der kirchlichen Karriereleiter. Da lebt die Kirche als Institution, ist in der Lage, Haushaltspläne aufzustellen und Stellen zu besetzen, versucht bei weltlichen Instanzen nicht anzuecken, hat aber die Verbindung zu der geheimnisvollen, lebendigen Wurzel des Glaubens austrocknen lassen. Selbst in Rom, im Herzen der Weltkirche, erkennen manche alt gedienten Prälaten „ihre“ römische Kurie nicht wieder und sehen bei all dem Pomp und Schranzentum nur noch einen Abklatsch des Fürstentums von Monaco.

Da war die Reise Papst Benedikts nach Fatima wie ein Bußgang zur Mutter des Erlösers, um als erster darum zu bitten, dass das Salz wieder Kraft und Geschmack erhält. Wer glaube, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irre sich, sagte der Papst. In der Heiligen Schrift, so Papst Benedikt, sei häufig davon die Rede, dass Gott nach Gerechten sucht, um die Stadt der Menschen zu retten. Ebendies tue er hier, in Fatima, wenn die Muttergottes die Frage stelle: „Wollt ihr euch Gott hingeben, um alle Leiden ertragen zu können, die er euch aufzubürden gedenkt, als Sühne für die Sünden, durch die er geschmäht wird, und als flehentliche Bitte um die Bekehrung der Sünder?“ Buße und Umkehr, die große Botschaft Fatimas. Hier, am Ort der Erscheinung Mariens, hat Benedikt XVI. sie wiederholt und der gesamten Kirche – auch der im Westen, die so viel von „Krise“ spricht – als Weg der Genesung vorgezeichnet.

„Möge in den sieben Jahren, die uns noch vom hundertsten Jahrestag der Erscheinungen trennen, der angekündigte Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens zu Ehren der Allerheiligsten Dreifaltigkeit näherkommen“, beendete der Papst seine erste Predigt in Fatima. Das klang geheimnisvoll. Nicht nur wegen des „dritten Geheimnisses“ ist die Geschichte Fatimas eng mit der der Päpste verbunden. Darum hatte dieser Besuch Benedikts XVI. eine besondere Bedeutung. Wer den Papst dort gesehen hat, war erstaunt, wie gelöst und heiter er wirkte. So sehen Hirten aus, die ihre Kirche durch eine Krise führen.