„Es besteht kein Grund zur Panik“

Seuchenexperte August Stich, Chefarzt für Tropenmedizin an der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg, zur Schweinegrippe

Wie gefährlich ist die Schweinegrippe?

Wir haben noch nicht genügend Daten. Es ist eine Influenza, ähnlich der, die wir von den jährlichen Grippeausbrüchen hierzulande kennen. Es sind Menschen an dieser Erkrankung gestorben, auch junge, allerdings waren das alles Krankenhauspatienten, die schon primär sehr krank waren. Jeden Winter sterben auch bei uns viele Menschen an der Grippe. Das neue Virus scheint nicht gefährlicher zu sein. Es besteht also kein Grund zur Panik.

Was ist neu?

Zum ersten Mal kommt ein solcher Erreger nicht aus Fernost, sondern einem anderen Ballungsgebiet. Mexiko-City ist eine der größten Städte weltweit, insofern ist das nicht überraschend. Pandemien begleiten die Menschheitsgeschichte. Wir Fachleute haben immer gesagt, es gibt bald eine neue, wir wissen nur noch nicht wann. Selbst im Moment können wir nicht zuverlässig sagen, ob es die Schweinegrippe sein wird.

Rechnen Sie denn mit einer weltweiten Ausbreitung?

Nach Lage der Dinge ist das Szenario einer Pandemie realistischer als bei der Hühnergrippe-Hysterie vor einigen Jahren. Das damals entdeckte H5N1-Virus ist zwar hochgefährlich für den Patienten, viel gefährlicher als der jetzige Virusstamm, aber es ist nicht einfach von Mensch zu Mensch übertragbar.

Schützt die klassische Grippeimpfung?

Wahrscheinlich nur zum Teil. Wie weit, das wird gerade fieberhaft untersucht. Mein Rat: Auch eine Impfung, die ungenügend schützt, ist immer noch besser als keine Impfung.

Muss sich jemand sorgen, der vor einigen Wochen in Mexiko Urlaub gemacht hat?

Nein. Die Inkubationszeit der Influenza ist immer unter einer Woche. Wenn Sie vor vierzehn Tagen aus Mexiko zurückgekommen sind und jetzt krank werden, ist das keine Influenza, die Sie von dort mitgebracht haben.

Viren reisen heute in Düsenjets. Was bedeutet das für die Prävention?

Im Mittelalter kam die Pest so schnell voran, wie ein Mensch laufen konnte. Heute breiten sich Krankheitserreger in Überschallgeschwindigkeit aus. Damit ist eine schnelle weltweite Verbreitung möglich. Es wird aber nicht so sein, dass überall gleichzeitig Krankheitsfälle aufblitzen. Das gibt den Behörden und dem Gesundheitswesen die Möglichkeit, sich vorzubereiten.

Was tun im Fall X?

Die Influenza ist schon ansteckend, bevor Krankheitssymptome sichtbar werden. Das macht es schwierig, mit Isolations- oder Quarantänemaßnahmen zu arbeiten, wie es etwa bei der SARS-Epidemie 2003 erfolgreich der Fall war. Wenn jemand aus einem Infektionsgebiet kommt und krank wird, sollte er unverzüglich seinen Arzt informieren. Dann muss man sich mit den Gesundheitsbehörden weitere Schutzmaßnahmen überlegen.

Wie ist Deutschland vorbereitet?

Angestoßen durch die Hühnergrippe vor einigen Jahren haben die Behörden auf allen Ebenen, vom Bund bis zu den Akteuren vor Ort, das Thema Influenza intensiv behandelt. Es gibt Alarmpläne, die jederzeit aktiviert werden können. Wir bereiten uns vor, obwohl es noch nicht soweit ist. Das heißt, wir durchforsten unseren Bestand an Schutzmaterial und Medikamenten. Sollte eine Pandemie kommen, wird sie das öffentliche Leben schon sehr beeinträchtigen.