Erfolg wird in der Kindheit grundgelegt

Eine Berliner Tagung zeigt den Zusammenhang von frühkindlicher Bindung und späterem wirtschaftlichem Wohlergehen auf

Bindung geht der Bildung voraus, sagen viele Wissenschaftler und Mediziner. Bildung wiederum entscheidet über die Innovationskraft und damit die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes. Um diese innere Logik aufzuzeigen, trafen sich auf Einladung des „Instituts für Demografie, Allgemeinwohl und Familie“ (iDAF) Bindungs-, Familien- und Hirnforscher, Psychotherapeuten, Ökonomen, Politiker und Personalberater auf einem internationalen Kongress Anfang dieser Woche in der deutschen Hauptstadt. Schirmherr und Teilnehmer war der Präsident des Europäischen Parlamentes, Hans-Gert Pöttering. Die Bundespolitik hingegen fehlte. Das im Programm angekündigte Impulsreferat von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zum Thema „Bindung und Bildung – die richtigen Prioritäten setzen. Oder: Was war zuerst, das Bildungssystem oder das Hirn des Kindes?“ entfiel. Insider im Publikum meinten, dass die Ministerin ganz bewusst diesem Termin fernblieb. „Hier wäre sie wahrscheinlich ausgebuht worden“, erwähnte eine Teilnehmerin am Rande. Das von ihr übermittelte Grußwort wurde auch erst gar nicht verlesen. Dem Vernehmen nach soll es als plumper PR-Text nur wenig Substanzielles zur Tagung enthalten haben.

Im Gegensatz zum Vortrag des Hirnforschers Stuart Shanker aus Toronto. Er referierte zu „Der erste Gedanke – Wie Denken entsteht“ und belegte, dass erst durch die Nähe, Wärme und Zuwendung zwischen Mutter und Kind sich die Voraussetzungen für menschliches Denken und Handeln entwickeln. Ihm folgte der Psychoanalytiker und Pränatalforscher Ludwig Janus, der seine These „Keine Erfahrung wird je vergessen – Wie Bindung entsteht“ vortrug. Der Präventivmediziner Ronald Grossarth-Maticek aus Heidelberg stellte die Ergebnisse seiner Langzeitstudie aus drei Jahrzehnten unter dem Motto „Das Trauma der Trennung“ vor.

Grundlegendes zum Thema „Homeschool-Kinder = starke Kinder?“ präsentierte der Soziologe F. Patrick Fagan vom Family Research Council, Washington. Er sieht in der freiheitlichen Bildungsentscheidung der Eltern ein fundamentales Menschenrecht. Mittlerweile gibt es in den USA über 1, 5 Millionen Kinder, die zu Hause unterrichtet werden. Die Eltern entscheiden sich für diese – in Deutschland verbotene – Schulform auch aus moralischen und religiösen Gründen. Seine tiefgreifende Analyse der „Homeschool-Kinder“ belegte, dass ihre Sozialisation und Bildung überdurchschnittlich ist und überdurchschnittlich viele von ihnen an den großen US-Unis mit Bestnoten bestehen. „Ich hoffe, dass auch eines Tages in Deutschland Eltern die Freiheit haben werden, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten“, schloss der Wissenschaftler.

Kreativität im Schulalltag braucht Zeit

Hoffnung gab auch Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung mit ihrem Thema „Es ist nie zu spät – Wie Humanvermögen geborgen werden kann“. Sie machte noch einmal klar, dass wir in Deutschland keine Wissens-, sondern eher Transferprobleme im Bildungssektor haben.

Dass Kreativität Zeit braucht, war der Grundgedanke der Erörterungen des Präsidenten des deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus. Er sprach sich gegen die zu frühen Einschulungen, die verkürzte Gymnasialzeit, Termindruck sowie die viele „Pisa-Testerei“ aus und forderte mehr kontemplative Zeit auch im Schulalltag.

Grundlegende gesellschaftliche Veränderungen stellte Peter Kruse von der Uni Bremen fest. Unter dem Titel „Wertewelten im Wandel: Von der Spaßgesellschaft zur gemeinschaftlichen Sinnstiftung“ trug er seine Ergebnisse zur Komplexitätsverarbeitung in intelligenten Systemen vor. Kruse sprach von der Suche der Menschen nach neuer Substanz. „Die Menschen wollten keinen Spaß mehr, sondern Glück – mehr Inhalte und weniger Hypes.“ Auch geißelte er die momentane Profitgier und kinderfeindliche Wachstumsideologie. Sinnstiftung, Werte, Nachhaltigkeit oder die Suche nach sozialer Gemeinschaft sind nach den Ergebnissen seiner Forschungen die Zukunftstrends.

Bleibende Wichtigkeit des Generationenvertrages

Der Nachmittag war nach den Etappen der frühkindlichen sowie schulischen Bindungs- und Bildungsdebatte vor allem der Wirtschaft sowie Politik vorbehalten. So ging der Zentralvorstand der Deutschen Telekom Reinhard Clemens auf „Bildung im Zeichen moderner Informationstechnologien“ ein. Er und Klaus Kinkel als Vorsitzender der Telekom-Stiftung widmeten sich der Frage „Welche Fähigkeiten braucht die Wirtschaft?“. Die der Mutter, meint Familientherapeutin Consuelo v. Ballestrem aus Eichstätt. Sie ging der Frage nach, ob Mütter die besseren Manager sind. In ihrem Schlaglicht auf die Vereinbarkeitsdebatte von Familie und Job sah sie die in der Familie erworbenen Kompetenzen als Quelle für berufliches Know-how. Die bleibende Wichtigkeit des Generationenvertrags unterstrich der Präsident des Deutschen Familienverbandes Albin Nees. Dessen Grundlage seien die Zehn Gebote der Heiligen Schrift und besonders „Du sollst Vater und Mutter ehren, wie Dich selbst“.

Insgesamt hat die Tagung gezeigt: Wer im 21. Jahrhundert im Berufsleben bestehen will, benötigt Ausdauer, Empathie und soziale Kompetenz, die durch gute Emotionen geschaffen werden. Emotionen sind laut dem amerikanischen Kinderpsychotherapeuten Stanley Greenspan die „Architekten des Gehirns“. Wer hingegen schlechte Emotionen erfuhr, muss mit Traumata, Ängsten und Verhaltensstörungen rechnen. „Deshalb sind Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit für Heranwachsende so wichtig, wenn sie später“, so Veranstaltungsorganisator Jürgen Liminski, „als Erwachsene im Familien- und Berufsleben erfolgreich sein wollen.“