Tel Tamer

Erdogans Söldner

Trotz offiziellem Waffenstillstand kommt es in Nordsyrien zu Angriffen von türkischen Verbündeten auf das Siedlungsgebiet der christlichen Assyrer.

Von der Türkei gestützte syrische Rebellen
Verbreiten Schrecken unter Christen und Kurden: Türkisch unterstützte syrische Rebellen im Oktober 2019 in Tal Abyad. Foto: Reuters

Unter türkischem Oberbefehl verübt eine dschihadistische Söldnerarmee, zusammengesetzt aus salafistischen Terroristen, Ex-IS- und Al-Qaida-Kämpfern in Nordsyrien Kriegsverbrechen an der kurdischen und christlichen Zivilbevölkerung. Die Bewohner sind in Panik. Auf offener Straße finden Hinrichtungen statt, wie Assyrische Nachrichtenagenturen, Amnesty International und viele andere berichten.

Trotz Waffenstillstands Angriff auf christliches Zentrum Tel Tamer

Türkische Luftwaffe und die mit der Türkei verbündeten arabisch-islamistischen Kräfte haben, trotz Waffenstillstand, mit einem Angriff auf das christliche Zentrum Tel Tamer im Norden Syriens begonnen. In Tel Tamer befindet sich das Hauptquartier der syrischen Armee in der Region, die von den Kurden gegen die türkische Invasion zu Hilfe gerufen wurde. Es soll bislang 200 Tote und 640 Verwundete gegeben haben. Tel Tamer ist der Hauptort des Khabur Tales. Hier befand sich bis zum Eintreffen des IS 2014 ein rein christliches Siedlungsgebiet von 30.000 Assyrern in 35 Dörfern. Die Christen waren dort 1933, als Syrien französisches Mandatsgebiet war, im Auftrag des Völkerbundes angesiedelt worden, nachdem sie aus dem Hakkari-Gebiet in der Osttürkei geflüchtet waren.

Der IS konnte 2014 etwa ein Drittel der assyrischen Dörfer im Handstreich erobern und Hunderte vor allem Frauen, Kinder und alten Menschen als Geiseln entführen. Es handelte sich dabei um die größte Geiselnahme seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges. Als ein Teil der assyrischen Flüchtlinge in ihrer Verzweiflung die Grenze zur nahegelegenen Türkei überqueren wollten, immerhin ihre Ur-Heimat, wurden sie damals von türkischen Behörden daran gehindert. Dabei hatten in Anatolien schon Assyrer gelebt, als die Vorfahren der heutigen Türken noch in Zentralasien lebten. Hilfskonvois des IS durften dagegen von der Türkei aus ins nahegelegene Kampfgeschehen eingreifen. In den folgenden Monaten und Jahren konnten viele Geiseln mit Millionen Euros freigekauft werden. Für zwei Dutzend Assyrer aber, vor allem junge Männer, kam jede Hilfe zu spät. Sie wurden vor laufenden Kameras enthauptet. Seit 2015 ist dieses Tal weitgehend verlassen.

Extremisten wird kein Einhalt geboten

Nach dem türkischen Einmarsch in Nordsyrien im Oktober ist dieses von Christen entvölkerte Gebiet zum Aufmarschgebiet von zwei großen Armeen geworden, denn die von den Amerikanern verratenen Kurden haben die Armee Präsident Assads zu Hilfe gerufen. Diese richtete ihr Hauptquartier in Tel Tamer ein. Von dort aus wird jetzt der kurdisch-syrische Widerstand gegen die türkischen Besatzer und ihre Verbündeten organisiert. Von der Türkei unterstützte syrische extremistische Rebellengruppen hatten bereits vor einigen Wochen eine Kirche in Tel Tamer zerstört und kontinuierlich auf die christliche Gemeinde Tel Tamer geschossen. US-Diplomaten wussten von der Bedrohung für die Christen und haben die Türkei aufgefordert, ihren Extremisten Einhalt zu gebieten. Das ist jedoch nicht geschehen. Zu Beginn des Einmarsches waren Christen entlang der türkischen Grenze aus ihren Gemeinden wie Tel Abyad geflohen. Andere Christen, die sich Selbstverteidigungsgruppen angeschlossen hatten, die mit den von den USA unterstützten syrischen Demokratischen Kräften (SDF) verbunden waren, blieben, um Tel Tamer zu verteidigen.

Die USA gaben am 6. November zu, dass die Streitkräfte, die Tel Tamer angreifen, dies im Auftrag der türkischen Armee tun. „Es sind im Grunde genommen diese von der Türkei unterstützten syrischen arabischen Milizen“, sagte ein hochrangiger Beamter des Außenministeriums. „Und wir waren sehr besorgt, weil sie anscheinend in Richtung der Stadt Tel Tamer unterwegs waren, wo sich ein relativ großes christliches Gebiet befindet“, zitierte die israelische Zeitung „Jerusalem Post“ die US-Quelle. „Die Türken haben uns wiederholt auf hohem Niveau versichert und sind an die Öffentlichkeit gegangen, dass sie nicht versuchen, Tel Tamer zu nehmen“, sagte der Beamte. Einige der „schlecht disziplinierten“, jetzt von der Türkei unterstützten Milizen waren seit 2012 von den USA als Mitglieder der „Freien Syrischen Armee“ bewaffnet worden, damit sie nicht radikalisiert würden, so der Beamte. Aber „ihre Ideologie ist im Wesentlichen eine islamistische Ideologie“.

Amerikaner in schwieriger Position

Dies versetzt die Amerikaner jetzt in die schwierige Position, dass ihre einstigen Freunde jetzt die Drecksarbeit für Erdogan machen und Minderheiten in Syrien terrorisieren. US-Beamte haben sich seit Beginn der Offensive am 9. Oktober nicht mehr mit bedrohten Christen getroffen. Ein Memo, das auf die Bedrohung von Minderheiten in Syrien hinweist und von William Roebuck, dem stellvertretenden Koordinator des Kampfes gegen den IS in Ostsyrien, verfasst wurde, wurde am 8. November von der New York Times veröffentlicht. Es enthält Belege, dass während der türkischen Offensive wahrscheinlich eine „ethnische Säuberung“ durch türkische Verbündete stattgefunden hat.

Um die Zerstörung einer armenischen Kirche in Tel Abyad gibt es derzeit eine Kontroverse zwischen US- und türkischen Medien. Die Kirche war beim Einmarsch der türkischen Armee verwüstet worden, eine Marienstatue wurde zertrümmert und andere dokumentierte Entweihungen hatten stattgefunden. Pro-türkische Medien betonten jedoch, die Kirche sei „für den Gottesdienst wieder geöffnet“ worden, und zwar noch am selben Tag, als Bilder von der Zerstörung der Kirche auftauchten. Die Aufnahme der abgebildeten Betenden soll jedoch schon Tage zuvor gemacht worden sein. Die Fotos scheinen auch keine Kreuze oder christlichen Symbole zu zeigen, ein Hinweis darauf, dass sie absichtlich entfernt wurden.

Christen haben Angst um ihre Zukunft

Es war auch nicht klar, wer syrischen Rebellengruppen die Erlaubnis gab, die Kirche zu betreten und zu reparieren. Eine christliche Gemeinde existierte zum Zeitpunkt der Invasion nicht mehr. Wie viele Dinge im Nebel des Krieges ist der Zustand der Kirchen und der christlichen Gemeinschaft in Gebieten, die von der Türkei und den syrischen Rebellengruppen eingenommen wurden, unklar. Klar ist, dass die Christen in Tel Tamer, Qamischli und Kahtaniye große Angst um ihre Zukunft haben und dass diese Angst bis nach Washington und Ankara vorgedrungen ist – sonst müsste die Türkei keine öffentlichkeitswirksamen Good-Will Kampagnen lancieren. Der türkische Staatschef Erdogan weiß, dass US-Präsident Trump und sein Stellvertreter Pence die Situation der Christen in Syrien ein großes Anliegen ist.

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