„Er ward ins Paradies entrückt …“

40 Jahre Nahtodforschung und 10 Jahre Netzwerk Nahtoderfahrung im Bistum Münster – Eindrücke einer Jubiläumstagung. Von Jerzy Staus

„Flug zum Himmel“ heißt das zwischen 1500 und 1504 entstandene Gemälde des Niederländers Hieronymus Bosch (1450–1516). Foto: IN
„Flug zum Himmel“ heißt das zwischen 1500 und 1504 entstandene Gemälde des Niederländers Hieronymus Bosch (1450–1516). Foto: IN

Wir wollen dazu beitragen, dass sich keiner mehr fürchten muss, für verrückt erklärt zu werden, wenn er von seiner Nahtoderfahrung berichtet“, sagt Sabine Mehne. Mehne hat 2004 das „Netzwerk Nahtoderfahrung“ zusammen mit dem Bundeswehrhauptmann Alois Serwaty, dem Mathematiker Professor Dr. Günter Ewald und dem Psychologen und Theologen Dr. Joachim Nicolay gegründet.

In der Vereinigung tauschen sich „Beschenkte“ – als „Betroffene“ wollen sich die Nahtoderfahrenen nicht sehen – mit Wissenschaftlern aus. Sein zehnjähriges Bestehen hat das Forum nun, zusammen mit dem Jubiläum „40 Jahre Nahtodforschung“, in der katholischen Landvolkshochschule Freckenhorst im Bistum Münster gefeiert. Referenten waren unter anderem der Aachener Orthopäde und Professor für Grenzgebiete der Medizin Dr. med. Walter van Laack und die Intensivkrankenschwester Freifrau Andrea von Wilmowsky.

1974 veröffentlichte der Würzburger Professor für Psychiatrie Dr. med. Eckart Wiesenhütter das Buch „Blick nach drüben: Selbsterfahrungen im Sterben“ und legte damit den Grundstein der Forschung über Nahtoderfahrung (NTE). Ein Jahr später folgte der amerikanische Arzt Dr. Raymond A. Moody mit dem Weltbestseller „Leben nach dem Tod“. Während man das Phänomen in den USA offen diskutiert und es in den Niederlanden weitreichende medizinische Feldstudien gibt, werden in Deutschland Nahtoderfahrene meist in die Nähe von Esoterik gerückt. „Das Nahtoderlebnis wird auch zur Probe für soziale Beziehungen“, berichtet Sabine Mehne. Entgegen dem Esoterikvorurteil geht es im Netzwerk, dem auch viele Ärzte angehören, eher wissenschaftlich zu. Mehne selbst hat das Manuskript für ihr eigenes Buch „Licht ohne Schatten“ vor der Drucklegung gar von Wissenschaftlern gegenlesen lassen.

„Viele Mediziner

versuchen,

Nahtoderfahrungen auf körperliche Vorgänge zu reduzieren“

Dass NTEs keine neue Erfindung sind, zeigte Walter van Laack in seinem Vortrag über die Sicht der Medizin. Bereits 1766 habe ein französischer Truppenarzt in einer Fachzeitschrift darüber berichtet. Heute versuchen dagegen viele Mediziner, NTEs auf körperliche Vorgänge zu reduzieren. Sie erklären sie mit Sauerstoffmangel (Hypoxie), Kohlendioxidüberschuss im Blut (Hyperkapnie), dem Einfluss von Schmerzmitteln und Opiaten, körpereigenen Opiaten, Halluzinationen oder Fehlfunktionen im Schläfenlappen des Gehirns. Derartige Einflüsse wollte van Laack nicht generell in Abrede stellen: „Denn wir sind nicht nur spirituelle und nicht nur materielle Wesen, sondern beides.“ Doch die physiologischen Korrelate könnten nicht alles sein, kritisierte der Mediziner.

Halluzinationen etwa setzten ein funktionierendes Gehirn voraus; bei der NTE sei dieses jedoch oft außer Funktion gesetzt, im EEG zeigt sich eine Nulllinie. Auch als Narkosephänomen will van Laack sie nicht gelten lassen. Bei Operationen unter Narkose habe er selbst Patienten dienstags Musik vorgespielt und donnerstags keine. Nach der Narkose konnte niemand sagen, ob er Musik gehört habe oder nicht, während sich Nahtoderfahrene gestochen scharf erinnern können.

Im Hypoxiezustand und im Delirium sind die Deliranten desorientiert, erleben passiv, halluzinieren albtraumhaft und empfinden keine allumfassende Liebe wie bei NTEs. NTEs träten indes auch bei Operationen ohne Sauerstoffmangel auf. Am deutlichsten widerlegen außerkörperliche Phänomene („out of body experiences“) die Thesen materiell orientierter Skeptiker: Wie können Personen ihren Körper verlassen und später detailgetreu von Ereignissen berichten, die außerhalb des Krankenhauses passiert sind, während sie selbst auf dem OP-Tisch lagen? „Dafür hat kein Skeptiker je eine Erklärung geliefert“, bilanzierte van Laack und gab zu bedenken: „Wenn NTEs rein körperlich wären, müssten sie immer auftreten und nicht nur bei fünf Prozent der Patienten.“

Der Arzt schlug den Bogen zur Religion und stellte fest, dass sowohl die religiöse Erfahrung als auch die NTE von einer überlegenen geistigen Einheit – Gott – ausgehen und von einer geistigen Dimension, einem „Land der Seelen“. Was Paulus im 2. Korintherbrief schildere, entspreche den Schilderungen Nahtoderfahrener: „Ich weiß einen Menschen in Christus, …, der ward – ob im Leibe, ich weiß es nicht, oder außerhalb des Leibes, ich weiß es nicht, Gott weiß es – bis in den dritten Himmel entrückt, … er ward ins Paradies entrückt, und da vernahm er unaussprechliche Worte, die auszusprechen keinem Menschen je verstattet ist.“ (2 Kor 12, 2–4). 1979 habe zudem die Glaubenskongregation festgestellt, dass die Kirche „an der Fortdauer und Subsistenz eines geistigen Elementes nach dem Tode“ festhalte, „das mit Bewusstsein und Willen ausgestattet ist, so dass (das) ,Ich des Menschen‘ weiterbesteht, wobei es freilich in der Zwischenzeit seiner vollen Körperlichkeit entbehrt“ (Vatikanische Glaubenskongregation 17.5.1979).

„Menschen, denen

Organe entnommen werden, sind Sterbende, keine Toten – sie sterben durch die Organspende“

Intensivkrankenschwester Andrea von Wilmowsky berichtete von ihrer 30-jährigen Erfahrung im Umgang mit Sterbenden in der DDR und später Gesamtdeutschlands: „Auch im sozialistischen System hat es NTEs gegeben; alle Kolleginnen wussten das, aber man redete nicht darüber.“ Patienten hätten ihr dennoch von Kontakten mit Personen erzählt, die sie zwar kannten, aber nicht aus diesem Leben. Ihre NTE hätten sie als Rückkehr in ihre eigentliche Heimat bezeichnet. Außerkörperliche Erfahrungen seien fast immer Bestandteil der Schilderungen gewesen. Hinsichtlich anderer Phänomene sei ihr aufgefallen, dass Patienten oft gerade dann stürben, wenn die Angehörigen gerade aus dem Zimmer seien, so, als hätten sie auf diesen Moment gewartet. Mit dem Eintritt des Todes hätten die Patienten schlagartig anders ausgesehen als zuvor, so, als ob jetzt nur noch eine leblose Hülle im Raum sei. Auch die Atmosphäre im Krankenzimmer habe sich schlagartig geändert. Obwohl in Deutschland statistisch gesehen etwa 4,3 Millionen Menschen eine NTE haben, hätten viele Hemmungen, darüber zu sprechen. Patienten hätten oft nur leise Andeutungen gemacht. Sei man darauf eingegangen, hätten sie sich wie erlöst gefühlt, endlich offen sprechen zu können. Eine eindeutige Position bezog Wilmowsky zur Organspende: „Menschen, denen Organe entnommen werden, sind Sterbende, keine Toten – sie sterben durch die Organspende.“

Von ihrer eigenen Nahtoderfahrung berichtete die türkisch-kurdischstämmige Menschenrechtlerin Seyran Ateº, die der muslimischen Religion angehört. 1984 habe sie in einer Berliner Beratungsstelle für türkische und kurdische Frauen gearbeitet und sei dort Opfer eines Mordanschlags geworden. Ein Mitglied einer türkischen Untergrundgruppe habe eine Klientin erschossen und sie selbst lebensgefährlich verletzt. „Ich hörte einen Knall, es wurde dreimal geschossen, aber ich hatte nicht das Gefühl, hingefallen zu sein, vielmehr saß ich mit einem Mal auf einem Thron und schwebte nach oben“, berichtete die 51-jährige Rechtsanwältin. Ein beständiger Kontakt habe dann bestanden – „mit Gott, wie ich es empfunden habe“. Es war ein Fühlen als Kommunikation und immer sei die Frage im Raum gestanden, ob sie zurückwolle. „Es lief alles in Richtung Paradies, aber ich wollte noch nicht gehen, ich habe noch etwas zu tun, und ich durfte das selbst entscheiden.“ Diese intensive Erfahrung habe ihren Glauben sehr gestärkt: „Es hat einen Sinn, dass ich in meine Religion hineingeboren wurde, auch wenn es nicht leicht ist, das ist meine Aufgabe.“

Einen weiteren Vortrag hielt die Vorsitzende der „International Association for Near Death Studies“ (IANDS), Dr. Nancy Clark aus den USA. Ein Nahtodkabarett zeigte den unkomplizierten Umgang der Nahtoderfahrenen mit dem Thema: Sie wollen ihre Erlebnisse keinesfalls zum Dogma erheben.