Würzburg

Ende des Terrors?

Der IS nach dem Tod von Abu Bakr al-Bagdadi: Die Strukturen der Terrororganisation sind zwar erheblich geschwächt worden, aber bei weitem nicht zerstört.

IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi in Video
Der Screenshot eines undatierten Videoszeigt den ehemaligen Anführer der IS-Terrormiliz Abu Bakr al-Bagdadi. Es darf bezweifelt werden, dass die Welt durch seinen Tod sicherer geworden ist. Foto: --- (Al-Furkan)

Eines hatte er Osama Bin Laden sowie seinem Vorgänger Abu Mussab al-Sarkawi voraus: Abu Bakr al-Bagdadi hatte in Bagdad Theologie studiert und deshalb unter seinen Anhängern eine Legitimität als Kalif, wovon die anderen Terrorführer immer geträumt haben. Doch galt der am 26. Oktober von einem US-Kommando gestellte und dann durch einen Sprengstoffgürtel getötete Führer des Islamischen Staates (IS) als weniger charismatisch und rhetorisch brillant als seine Vorläufer. Seinen größten Auftritt hatte al-Bagdadi am 29. Juni 2014, als er sich im eroberten Mossul zum „Kalif Ibrahim – Befehlshaber der Gläubigen“ ausrufen ließ und ein bedeutendes Territorium im Irak, seiner Heimat und Syrien, beherrschte. Diese Rolle konnte er auch deshalb übernehmen, weil er seinen Stammbaum auf Mohammed selbst zurückführte.

Al-Bagdadi gilt als außergewöhnlich brutaler Sadist

Zum inneren Zirkel gehörten zahlreiche Geheimdienstoffiziere von Saddam Hussein, zu denen er 2004 im berüchtigten US-Gefangenenlager Bucca Kontakt geknüpft hatte. Die IS-Kämpfer schworen al-Bagdadi weltweit Treue und Gehorsam, darunter der Attentäter von Berlin, Anis Amri.

Al-Bagdadi galt nicht nur als religiöser Fanatiker, sondern auch persönlich als außergewöhnlich brutaler Sadist. In seinem „Kalifat“ führte er die Sklaverei ein, beteiligte sich selbst an Vergewaltigungen und Folter, ließ unzählige Kulturdenkmäler zerstören und drohte mit der Vernichtung aller „Ungläubigen“, wozu er nicht nur Christen und Yeziden zählte, sondern auch die Schiiten, die der IS als Abtrünnige betrachtet.

Dass die Welt durch seinen Tod sicherer geworden sei, wie US-Präsident Donald Trump auf einer fragwürdigen Pressekonferenz erklärte, darf bezweifelt werden. Überhaupt kann niemand wirklich beurteilen, welche Rolle der zuckerkranke Terrorchef innerhalb des IS in den letzten Jahren noch gespielt hat.

IS in den letzten Jahren dezentraler organisiert

Schon nach dem Tod des IS-Gründers Abu Mussab al-Sarkawi 2006 prognostizierten viele das Ende der Terrororganisation. Es dauerte kein Jahrzehnt um zu erkennen, welch ein fataler Irrtum das war. Damals hieß es „der Kampf hängt nicht von einem Mann ab, sondern er geht weiter“. So lauten die Parolen auch heute. Vermutlich war al-Bagdadi aufgrund seiner religiösen Reputation eher das Aushängeschild des IS. Für die militärischen Operationen war bei weitem nicht nur er zuständig. Zudem hat der IS damit gerechnet, dass der weltweit meistgesuchte Terrorist irgendwann einmal gestellt werden würde. Sie hat sich in den letzten Jahren dezentraler organisiert. Sein oberstes Gremium ist ein neunköpfiger Schura-Rat, dem zahlreiche andere Gremien zur Seite stehen. Diese Strukturen sind zwar durch den Verlust des Kalifats erheblich geschwächt, aber nicht zerstört. Der IS hat es schon immer verstanden, sich nach Rückschlägen neu zu organisieren und neue Kämpfer zu rekrutieren. Die außerhalb des arabischen Raums im Namen der IS operierenden Gruppen wie Boko Haram in Westafrika oder Abu Sayyaf auf den Philippinen agieren ohnehin schon lange selbstständig.

Verlust seines Territoriums hat den IS massiv geschwächt

Der Verlust seines Territoriums hat den IS weit mehr geschwächt als der Verlust seines Aushängeschildes. Doch auch das Ende des Kalifats bedeutet keinesfalls das Ende des IS. Die offenbar von der Türkei gezielt betriebene Befreiung von IS-Kämpfern aus kurdischen Gefangenenlagern sowie die eitle Preisgabe von Details der Operation durch US-Präsident Trump geben der Terrororganisation neuen Aufschwung. Vermutlich wird es dem IS nicht mehr gelingen, ein Territorium zu beherrschen, doch seine Anschläge, vor allem auf „weiche“, also nicht-militärische, Ziele dürften weltweit zunehmen.

Syrien und der Irak haben das in den letzten Monaten bereits grausam zu spüren bekommen. Es wäre sehr überraschend, wenn sich die Ziele des IS auf die Region beschränken.