Eine Versammlung der apokalyptischen Reiter

Herr Professor Münkler, was waren aus Ihrer Sicht die Ursachen für den Dreißigjährigen Krieg? Von Stefan Meetschen

Prager Fenstersturz
Vor 400 Jahren, am 23. Mai 1618, löste der „Prager Fenstersturz“ den Dreißigjährigen Krieg aus.

Herr Professor Münkler, vor 400 Jahren, am 23. Mai 1618, löste der „Prager Fenstersturz“ den Dreißigjährigen Krieg aus. Die Protestanten Böhmens warfen Repräsentanten des katholischen Königs Ferdinand aus dem Fenster der Prager Burg. Was waren aus Ihrer Sicht die Ursachen für den Krieg? Auch konfessionelle Gründe?

Man wird nicht bestreiten können, dass bei dem böhmischen König Ferdinand, der im Jahr nach dem Prager Fenstersturz zum deutschen Kaiser Ferdinand II. gewählt wird, starke gegenreformatorische Vorstellungen eine Rolle spielten. Unverkennbar waren beim Prager Fenstersturz auch konfessionelle Fragen, wie die Schließung von Kirchen oder das Recht zum Bau von Kirchen, von großer Bedeutung. Aber zunächst einmal war dies ein Konflikt um eine Verfassungsfrage, nämlich: Wer hat in Prag oder in Böhmen wie viel Einfluss? Der Kaiser allein oder auch die Stände? Die Städte und der Adel? Insofern gehört dieser Prager Fenstersturz eigentlich in eine Reihe mit dem Aufstand der Niederlande gegen die spanische Herrschaft und später dann, ab 1640, der englischen Revolution. Was seine Besonderheit ausmacht ist, dass er sich relativ früh und fast gleichzeitig mit der Konfessionsfrage verbindet, sodass wir es hier mit einem Verfassungskonflikt und einem Konfessionskonflikt, also einem Bürgerkrieg im doppelten Sinn, zu tun haben.

Schon 1620 wird der Aufstand in Böhmen niedergeschlagen. Doch der Konflikt entwickelt sich im Heiligen Römischen Reich munter weiter. Bayern verlangt Herrschaft über die Oberpfalz und die Rheinpfalz. Dann zieht man weiter gen Norden. Bald mischen auch ausländische Mächte mit. Warum kam es zu dieser Eskalation? Warum diese mentale Zügellosigkeit unter christlichen Herrschern?

Am wenigsten zügellos sind die Lutheraner, angeführt von Erzherzog Johann Georg von Sachsen, der relativ lange, eigentlich bis 1631, kaisertreu ist und sich am Reich orientiert. Auch auf der katholischen Seite wollen nicht alle unbedingt in den Krieg ziehen. Auf katholischer Seite ist es Kardinal Khlesl, Bischof von Wien, der eine Politik des Ausgleichs betreibt. Er wird politisch ausgeschaltet. Bei den Protestanten sind es dann die Reformierten, auf katholischer Seite die Jesuiten, die es als Speerspitze ihrer Konfessionen schaffen, einen Prozess der Eskalation in Gang zu setzen. Dazu kommt: die konfessionellen Trennlinien geben gleichzeitig internationale Bündnissysteme vor. Wenn Ferdinand gegen die Böhmen vorgeht, dann wird er von der Römischen Kurie unterstützt, und er kann sich auch darauf verlassen, dass die katholischen Mächte ihn unterstützen. Damit kommt die dritte Ebene des Krieges ins Spiel, nämlich die eines europäischen Hegemonialkonflikts: Philipp III., der König von Spanien, verfügt über große Truppen, die legendäre Truppe des Infanten, die landläufig Infanterie genannt wird, und das Silber aus der Neuen Welt. Beides stellt er seinem Habsburger Verwandten, Ferdinand II., zur Verfügung, damit der überhaupt in der Lage ist, gegen die Böhmen Krieg zu führen und nicht mit ihnen zu verhandeln, was er sonst hätte tun müssen. Das gilt umgekehrt für die reformierte Seite natürlich auch, da diese Unterstützung aus Holland bekam. Spanien und die Niederlande kämpften ja schon Jahrzehnte gegeneinander. So kam es nicht nur wegen der konfessionellen Frage, sondern auch wegen der Hegemonial-Frage, also: Wer hat in Europa das Sagen, zur Internationalisierung dieses Krieges. Übrigens, da Sie Bayern angesprochen haben und die Oberpfalz … das spanische Geld und die spanischen Truppen reichten nicht aus, um die Böhmen niederzuwerfen. Dazu bedurfte es noch der Truppe der katholischen Liga des Reichs, die von dem Bayernherzog Maximilian geführt und von Generalleutnant Tilly kommandiert wird. Damit ist Ferdinand in der Schuld von Maximilian. Dem muss er etwas geben. Und er gibt ihm den Kurhut des Pfälzers und die Oberpfalz, die zunächst zu Heidelberg gehört. Damit ist der Krieg ein Reichskrieg.

War der Dreißigjährige Krieg also ein Verfassungs-, ein Reichs- und Hegemonialkrieg, ein Religions-, aber kein Konfessionskrieg? Oder war er auch kein Religionskrieg?

Ich würde sagen – erstens ein Verfassungskrieg, zweitens ein konfessioneller Krieg. Drittens ein Krieg um die Verschiebung der Grenzen. Die Oberpfalz haben wir schon angesprochen. Aber der Sachse will natürlich auch belohnt werden. Der will die beiden Lausitzen haben. Und es ist ein Hegemonialkrieg. Alles dreht sich im Wesentlichen um die Frage: Soll Europa mit dem Haus Habsburg an der Spitze hierarchisch geordnet sein? Oder soll es ein System tendenziell gleichberechtigter Staaten geben, in dem Frankreich dann eine zentrale Rolle spielt? Wie wenig der Dreißigjährige Krieg ausschließlich ein Konfessionskrieg ist, sieht man auch daran, dass in den 1640er Jahren die beiden lutheranischen Mächte Dänemark und Schweden, die beide auf protestantischer Seite in den Krieg interveniert haben, gegeneinander kämpfen und dass mit Kardinal Richelieu ein mächtiger Vertreter der katholischen Kirche notorisch auf Seiten der Protestanten in den Krieg interveniert. Nicht, weil er die Protestanten so sympathisch findet, sondern weil er das Haus Habsburg schwächen will.

Fast die Hälfte der Bevölkerung im Heiligen Römischen Reich starb durch den Krieg. Warum war dieser Krieg so brutal? Lag es an dem Einsatz von Schusswaffen? Am Einsatz von Söldnern?

Schusswaffen dürften dabei die allergeringste Rolle gespielt haben. Wir haben es mit einem Militärwesen zu tun, in dem es noch keine stehenden, also ständig besoldeten Heere gibt. Die Truppen mussten versorgt werden, durch Raub und Plünderung tun sie das. Außerdem strömt permanent Geld von außen ein. Weiterhin muss man im Hinblick auf die Todesraten sagen, dass der Krieg eine Versammlung der apokalyptischen Reiter war. Die Landesherrschaft wurde als Recht verstanden, den Glauben zu bestimmen. Mit dem Ergebnis, dass die Untertanen häufiger die Konfession wechseln oder das Land verlassen müssen. Das ist der Reiter „Tyrannei“. Mit dem Konfessionswechsel kommt es dann zu Flüchtlingsströmen von bis zu zehn Prozent der Bevölkerung. Die Folge ist Hunger, denn wenn das Militär das Land leer frisst und die Bauern ausplündert, dann ist oftmals kein Saatgut mehr da und vor allem gibt es auch keine Zugtiere mehr. Das ist der Reiter „Teuerung“. Und zu dem Hunger und einer dadurch geschwächten Bevölkerung kommt obendrein die Seuche, also der Reiter „Pestilenz“. Sowohl die Heere als auch die Flüchtlingszüge sind Seuchenverbreitungsmaschinen aufgrund der schlechten hygienischen Verhältnisse, aber auch, weil sie eine Reihe von Krankheiten, die zuvor endemisch waren, epidemisch machen.

Wieso scheiterten die Friedensversuche von Lübeck (1629) und Prag (1635)?

Weil die Frieden schließenden Parteien nicht das berücksichtigt haben, was wir eingangs unseres Gesprächs als die verschiedenen Kriegsebenen beziehungsweise Kriegsursachen genannt haben. Der Lübecker Friede ist letzten Endes nur ein Friede zwischen dem Kaiser, respektive dem bayerischen Kurfürsten Maximilian und dem Dänen-König Christian IV. Mit diesem Frieden ist nur eine Interventionsmacht aus dem Konflikt herausgenommen. In dieser Lage hätte der Kaiser versuchen müssen, einen Verständigungsfrieden zu schließen. Stattdessen setzt er das Restitutions-Edikt auf, was heißt, Teile der säkularisierten Kirchengüter sind an die Kirche zurückzugeben. Das weckt neuen Widerstand bei den protestantischen Fürsten, weil sie sehen: jetzt geht es an ihr Territorium. Es wird das Eingreifen eines Gustaf Adolfs begrüßt. Und beim Prager Frieden glaubt der Kaiser, er kann unter Umgehung der auswärtigen Interventen allein innerhalb des Reiches Frieden stiften. Das heißt, er behandelt den Krieg nur als Bürgerkrieg, aber nicht als internationalen Konflikt. Den Bürgerkrieg kann er vielleicht kurzzeitig beenden, aber der internationale Konflikt geht weiter, weil schwedische Truppen im Land stehen und die Schweden von Frankreich unterstützt werden, sodass auch der Prager Friede relativ schnell zusammenbricht.

Erst in Münster und in Osnabrück (1648) gelingt es, alle vier Ebenen des Krieges zu verhandeln und mit Kompromissen abzuschließen?

So ist es.

Ohne dass es Verlierer und Gewinner gibt?

Verlierer und Gewinner gibt es schon. Ich würde sagen, das Haus Habsburg ist der große Verlierer. Es wurde in Münster festgelegt, dass Madrid und München nicht mehr koalieren dürfen. Damit war es Frankreich gelungen, den Ring der habsburgischen Mächte zu sprengen. Frankreich ist der Gewinner des Krieges. Auch Schweden, das seinen Anspruch auf die Ostsee-Hegemonie durch die Verfügung über Pommern und über Teile des Gebiets um Bremen durchsetzen kann. Zu den weiteren Gewinnern dieses Krieges gehört sicherlich auch Maximilian von Bayern, inzwischen Kurfürst. Erstens weil er die Kurwürde behält, zweitens weil er die Oberpfalz behält. Auf protestantischer Seite ist Johann Georg von Sachsen ein Gewinner, der die beiden Lausitzen behält.

Wie sah die Mechanik des Friedensschlusses genau aus?

Es kommt viel zusammen. Die diplomatischen Fähigkeiten des eigentlichen Konstrukteurs dieses Friedens, Max von Trauttmansdorff, ist sicher zu beachten. Wichtig war auch, alle Fragen getrennt voneinander verhandeln zu lassen. Die Konfessionsfragen wurden im Wesentlichen in Osnabrück verhandelt, die machtpolitischen Fragen in Münster. Außerdem hat man sich gegen die radikalen Parteien durchgesetzt. Wir kennen ja die päpstliche Verurteilungsbulle des Münsteraner Friedens. Rom wollte diesen Frieden nicht, aber auch die calvinistischen Intellektuellen sagten später, es wäre besser gewesen, wenn wir weitergekämpft hätten. Die Politiker kommen aber aus Gründen der Staatsräson zu dem Ergebnis, dass es sinnvoll ist, diesen Krieg zu beenden und die Frage des Glaubens hintanzustellen. Es kommt auf katholischer Seite zu einem Austausch der Beichtväter: Die Jesuiten treten in den Hintergrund. Diejenigen treten in den Vordergrund, die sagen, der Friede ist das wichtigste Gut.

Sie selbst sehen Ähnlichkeiten zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem heutigen Nahost-Konflikt. Wie ließe sich aus Ihrer Sicht ein Westfälischer Friede im Nahen Osten etablieren?

Der heutige Konflikt betrifft Syrien, Libyen, auch den Jemen. Und auch der Palästina-Konflikt spielt dabei eine Rolle. Obendrein kommt hinzu, dass es mit dem Machtverlust der Vereinigten Staaten in dieser Region zu einem Hegemonialkonflikt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien gekommen ist. Wobei der Iran die Schutzmacht der Schiiten und Saudi-Arabien die Schutzmacht der Sunniten ist. Die Türken hängen mit ihren neo-osmanischen Träumen ebenfalls in diesem Spiel drin, sodass man sagen kann: Was wir hier im Nahen Osten haben, ist in Analogie zum Dreißigjährigen Krieg erstens ein Verfassungskonflikt. Es begann mit dem, was wir den „Arabischen Frühling“ nennen, nämlich mit der Frage, wer hat das Sagen in Tunis, in Sanaa und vor allen Dingen in Damaskus – eine kleine Familie, und der Mann an ihrer Spitze, oder aber größere Kreise der Gesellschaft. Dann hat sich das teilweise sehr schnell mit einem Konfessionskonflikt verbunden. Weniger Christen versus Muslime, das ist allenfalls in Ägypten der Fall, als Sunniten gegen Schiiten. Hinzu kommt, dass es natürlich auch um die Verschiebung der Grenzen geht und schließlich um die Frage, wer denn die Vormacht dieses Raumes ist. Man sieht wieder, wie die konfessionellen Gegensätze internationale Konfliktlinien vorzeichnen, aber auch eine Radikalisierung von Gewaltanwendung im Innern zur Folge haben. Wenn man vernünftig vorankommen will, muss man alle vier Ebenen voneinander trennen und auch getrennt voneinander verhandeln. Das geht nicht, indem sich ein paar ältere Herren treffen und einen Kaffee trinken. Das ist vermutlich ein sehr lange währender, mühsamer Verhandlungsprozess, bei dem es einer Fülle von Voraussetzungen bedarf. Erstens eines allseits anerkannten Diplomaten, aber dann auch von Unterhändlern, die Kompromisse von der einen Seite zur anderen hin- und herbewegen und interpretieren. In Münster und Osnabrück dauerten die Verhandlungen fast über vier Jahre. Die Sache stand immer wieder auf der Kippe. Generalleutnant Piccolomini glaubt noch im Augenblick der Unterzeichnung des Friedensvertrags in Münster und Osnabrück, dass dieser Friede nicht halten werde, weil die Deutschen nicht in der Lage sein würden, das Geld aufzubringen, das man braucht, um die schwedischen Truppen abzudanken. Das zeigt, wie schwierig eine Befriedung des Nahen Ostens ist. Es bedarf dabei eines klugen Vermittlers, der in der Lage ist, das Vertrauen aller beteiligten Seiten zu haben und sie davon zu überzeugen, dass der Friede für sie letzten Endes kostengünstiger ist als die Weiterführung des Krieges mit einer ungewissen Aussicht auf Frieden.

Käme heutzutage Papst Franziskus als Vermittler infrage? Oder gilt wie damals: lieber keine Jesuiten mehr?

Ich meine, dass der Papst im Verdacht steht, parteiisch zu sein. Vermutlich muss es eine weltliche Macht sein, die gegebenenfalls Druckmittel im Rahmen von Macht besitzt, Geld, aber auch kulturelles Kapital. Das hätte der Vatikan. Aber wahrscheinlich bräuchte ein Vermittler auch militärische Machtmittel.

Von Professor Herfried Münkler ist aktuell das Buch „Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648“ bei Rowohlt Berlin erschienen.