Eine Reise ins Land der Eiferer

„Erez“ – die gespenstisch-wirklichkeitsfremde Verbindung des Gazastreifens zu Israel

Gespenstisch ist die Passage von Israel nach „Hamastan“. Den Erez-Übergang am Nordende des Gazastreifens dürfen nur Diplomaten, Mitarbeiter von humanitären Hilfsorganisationen, medizinische Notfälle, die eine Genehmigung zur Behandlung in Israel erhalten haben, und Journalisten passieren. Es gibt noch drei weitere Grenzübergänge zwischen Israel und dem Gazastreifen: Karni, Sufa und Kerem Schalom, die aber ausschließlich für den Warenverkehr offen sind.

Bei der Passkontrolle in Erez wird Ben Wedeman vom amerikanischen Nachrichtensender CNN von den israelischen Grenzpolizistinnen aufgehalten. Sein Name sei jüdisch, meinen die Beamtinnen und wollen ihm deshalb die Einreise nach Gaza verweigern. Wedeman gehört zu den „alten Hasen“ unter den Nahostkorrespondenten und wurde einmal während der Intifada nicht weit von hier vor laufender Kamera von einem Querschläger getroffen.

Nach der Passkontrolle, abgewickelt durch eine zentimeterdicke Panzerglasscheibe, brummt der Türöffner. Ich drücke gegen die Tür und betrete ein endlos scheinendes Labyrinth von Metallwänden und massiven Eisengittern. Leise surrend öffnen sich automatische Panzertüren und schließen sich wieder. Keine Menschenseele ist sichtbar. Wer etwas falsch macht, wird von einer blechernen Stimme zurechtgewiesen. Die Augen der Kameras sind überall, bis weit in palästinensisches Gebiet hinein.

Die Justiz der Hamas ist kurz und brutal

Das letzte große Eisentor zwischen den meterhohen Betonwänden, die ins Niemandsland hineinragen, will sich nicht öffnen. Auch Rufe helfen nichts. Die Tür zurück nach Israel ist bereits ins Schloss gefallen. Als Ben Wedemann mich mit seinem Kameramann einholt, lächele ich noch. Nach einer halben Stunde hören wir draußen Maschinengewehrsalven. Langsam wird klar, dass wir uns auf eine längere Wartezeit einrichten müssen. Auch Telefonate mit dem Sprecher der israelischen Armee bringen keine Klarheit darüber, was draußen vor sich geht.

Auf der anderen Seite des massiven Gittertors sitzt ein junger Mann im Rollstuhl. Seine Beine sind in Kniehöhe amputiert. Offensichtlich gehört er zu den Opfern der Hamasjustiz. Gegnerische Kämpfer werden im Gazastreifen kurz und effektiv bestraft und zugleich kampfunfähig gemacht, indem man ihnen durch die Knie schießt. Dutzende von jungen Palästinensern wurden so von ihren eigenen Leuten zu Krüppeln gemacht.

Neben ihm sitzt eine ältere Frau ebenfalls im Rollstuhl, mit schwarzem Kopftuch, wie es sich im islamistischen Hamastan gehört. Die Stunden des Wartens ziehen sich hin. Sie stöhnt, verzieht das Gesicht und rollt mit den Augen, die ihr der Schmerz aus den Höhlen zu treiben scheint. Dem Anblick zu entfliehen ist unmöglich. Der CNN-Kameramann zieht sein Werkzeug aus der Hülle und filmt – aus Langeweile.

Offenbar haben die beiden kranken Palästinenser die Genehmigung erhalten, zur medizinischen Behandlung nach Israel zu kommen. Andere sterben in den Krankenhäusern von Gaza, weil sie diese Genehmigung nicht oder zu spät bekommen. Die Palästinensische Nationale Initiative von Mustafa Barghouti zählte bis Ende Mai 167 Patienten, die infolge der israelischen Blockade gestorben sein sollen. Wie bei allen anderen Patienten zuvor wird auch bei Nummer 167 der Name veröffentlicht: Muhammad Amawi war 22 Jahre alt und starb im Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt an Leukämie.

Doch auch hierbei geht es nicht nur um humanitäre Anliegen. Propaganda ist ein Mittel dieses Krieges, nicht zuletzt deshalb, weil Journalisten allgegenwärtig sind. So meldete die Organisation „Ärzte für Menschenrechte“ Anfang Mai, dass der Krebspatient und sechsfache Vater Muhammad al-Harrani gestorben sei, weil er nicht zur Behandlung nach Israel einreisen durfte. Doch am nächsten Tag zeigte sich, dass der Mann noch lebte, den der israelische Geheimdienst der Verwicklung in Terroraktivitäten verdächtigt. Vermutlich hatte ihn die Familie tot gemeldet, weil er zu einem Verhör geladen war, von dem seine Einreiseerlaubnis zur medizinischen Behandlung in Israel abhängig gemacht worden war.

Während der unfreiwilligen Wartezeit erzählt der CNN-Korrespondent von seiner Jugend in Beirut, den Jahren als Journalist in Damaskus und Kairo. 30 Jahre seines Lebens hat er in der arabischen Welt verbracht und spricht fließend Arabisch. Nach fast einer Stunde Schießerei wird es still. Ben Wedeman erhält per Mobiltelefon die Erklärung dafür, warum wir so lange festsaßen. Draußen, vor den Betonmauern, nur wenige Meter von uns entfernt, hat die israelische Armee ein palästinensisches „Liebespaar“ erschossen, das an einer der wenigen Lebensadern zum Gazastreifen eine Bombe verstecken wollte. Das Brummen der schwer gepanzerten Militärbulldozer, die den Sand des Grenzstreifens durchwühlen, hat das Geknatter der automatischen Waffen abgelöst.

Aus den israelischen Grenzbefestigungen treten wir endlich hinaus in gleißendes Sonnenlicht, das sich über das Niemandsland ergießt. Die Luft ist glühend heiß, aber immer noch besser als zwischen den Betonwänden unter dem Wellblechdach. In Richtung Mittelmeer liegen die Trümmer des einstigen Industriegebiets Erez und der israelischen Siedlung Nissanit. Dort hatten vor wenigen Jahren noch 4 000 palästinensische und 300 israelische Familien ihren Lebensunterhalt verdient. Israelische und palästinensische Firmen hatten gemeinsam im Grenzstreifen produziert.

Die billigen Arbeitskräfte kamen aus Gaza. Israel lieferte das Rohmaterial und die ungestörte Exportmöglichkeit in die ganze Welt – bis die Israelis beschlossen, das „Friedensprojekt“ wegen der Selbstmordattentate und des ständigen Raketen- und Mörserbeschusses zu schließen. Doch auch nach der Räumung der israelischen Siedlungen und nach der Zerstörung des gemeinsamen Industriegebiets kehrte keine Ruhe ein. In der vorletzten Maiwoche 2008 explodierte ein Lieferwagen mit vier Tonnen Sprengstoff ungefähr einhundert Meter vor den israelischen Grenzbefestigungen – offensichtlich früher als geplant. Die Explosion war so stark, dass man sie noch in 30 Kilometern Entfernung hörte. Im benachbarten israelischen Moschav Netiv HaAsarah zersprangen Fensterscheiben. Stromleitungen wurden beschädigt, sodass einige palästinensische Ortschaften im Gazastreifen Probleme mit der Stromversorgung verzeichneten. Außer Schrottteilen von dem Lieferwagen blieb ein zwölf Meter breiter und ein Meter tiefer Krater.

Der „Islamische Dschihad“ und die „Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden“ bekannten sich zu dem misslungenen Anschlag. Dschihad-Sprecher Abu Ahmed identifizierte den Selbstmordattentäter als den 23-jährigen Ibrahim Nasser aus Dschabalya im nördlichen Gazastreifen. Israelische Beobachter spekulierten, die enorme Autobombe sei wohl Teil eines Plans zur Entführung israelischer Soldaten gewesen. Die Luftwaffe schoss noch unmittelbar nach der Explosion einen Geländewagen ab, der in Richtung Gaza-Stadt raste.

So wurden die von Betonruinen durchsetzten Sanddünen zum Todesstreifen, in dem sich palästinensische Freiheitskämpfer und israelische Soldaten mittlerweile schon jahrelang einen Zermürbungskrieg liefern. Von den blühenden israelischen Siedlungen und dem geschäftigen Industriegebiet ist nichts mehr übrig. Täglich gibt es Schießereien. In der Ferne, aus Richtung Chan Yunis, ist das Grollen der Artillerie zu hören.

Mehrere hundert Meter südlich beginnt die alte Nordsüdverbindungsstraße durch den Gazastreifen. In der Hitze liegen Taxifahrer träge im spärlichen Schatten eines dürftigen Gestrüpps. Einer von ihnen, Ismail, erzählt auf dem Weg in die Stadt, wie das Leben immer schwerer und alles immer teurer wird.

Israel hat mit seinen Kameras alles im Blick

Der Rückweg von Gaza nach Israel ist so gespenstisch-wirklichkeitsfremd wie der Eintritt in das Land der islamischen Eiferer. Die palästinensischen Taxifahrer setzen ihre Gäste, die meinen, nach Israel hineingelassen zu werden, auf Sichtweite der Betonmauern ab. Hoch über der Grenze schwebt ein weißer Beobachtungszeppelin am tiefblauen Himmel und starrt nach Gaza hinein. Die hochauflösbaren Kameras der Israelis beobachten alles ganz genau.

Einsam steht ein Wohncontainer in der Trümmerwüste, in dem ein Palästinenser Funkverbindung zu den Israelis unterhält. Welcher politischen oder militärischen Fraktion dieser Mann angehört, ist nicht auszumachen. Er notiert die Passnummer und erlaubt dann den Gang durch das Niemandsland – nachdem er per Funk von den Israelis grünes Licht erhalten hat. Anders als sonst sind heute viele Journalisten versammelt. Die TV-Kameras suchen die Evakuierung der Leichen des Liebespaares mit der Bombe zu verfolgen. Todesmutig wagen sich einige palästinensische Sanitäter mit rot leuchtenden Uniformen in die zerschossenen Betonruinen.

Leise surrend öffnen sich die Stahltore. Die blecherne Stimme aus den Lautsprechern befiehlt, die Taschen zu öffnen und ein erstes Magnetometer zu passieren. Dann folgt ein Prozedere, das weltweit einmalig ist. Ohne persönliche Begegnung wird alles durchleuchtet, jedes Stück im Rucksack einzeln. Die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher weiß alles, sogar, dass ich Pass und Presseausweis in der Brusttasche vergessen habe.