Ein Ja zur säkularen Gesellschaft

Aber ein Nein zur Ideologie des Relativismus – Wie kleine Enzykliken: Die Ansprachen von Benedikt XVI.

werden der Kirche in den Vereinigten Staaten helfen, den Besuch des Papstes aufzuarbeiten

„Liebe Brüder und Schwestern, ich lade euch ein, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen; und lasst zu, dass Jesus in euer Leben tritt! Nur Er ist der Weg, der zum Glück führt, das nicht aufhört; die Wahrheit, die die edelsten Strebungen des Menschen erfüllt; und das Leben, das voll ist von Freude zum Wohl der Kirche und der Welt. Gott segne euch.“ Das waren die letzten Worte des Papstes bei seiner letzten Messe auf dem Boden der Vereinigten Staaten. Gestern Morgen ist Benedikt XVI. nach Rom zurückgekehrt. Hatte sein Besuch streckenweise der Eindruck erweckt, als sei er gekommen, die bösen Geister des Missbrauchs-Skandals auszutreiben, so stellten seine letzten Sätze die Kernbotschaft wieder klar: Es gibt eine Wahrheit, und Jesus Christus ist der Weg, um diese Wahrheit zum Glück und Mittelpunkt des eigenen Lebens werden zu lassen.

Benedikt brachte Amerikanern Hoffnung gegen Verzweiflung

Ist die Weltmacht Nummer eins damit ein Stück weit christlicher, sind die Schwierigkeiten der katholischen Kirche in diesem Land geringer geworden? Fast symbolhaft das Verhalten des ehemaligen Bürgermeisters New Yorks und gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Rudy Giuliani. Der Katholik ist zum dritten Mal verheiratet und tritt für Abtreibungen ein. Doch am Samstag, bei der Messe des Papstes in der Saint Patricks-Kathedrale in New York, ging er zur Kommunion. Ob ihm das nichts ausmache, dass er damit ein strenges kirchliches Gebot breche, fragte ihn eine Zeitung. Seine Antwort: „No.“ Ein unschönes Bild.

„Ganz Amerika respektiert diesen Botschafter des Friedens, der Gerechtigkeit und der Freiheit“, sagte Vizepräsident Dick Cheney über den Gast aus Rom bei der Verabschiedung am Flughafen. Benedikt XVI. habe den Bürgern des Landes Hoffnung gegen Verzweiflung, Sicherheit in Verwirrung und Stärke für ihren je eigenen Weg gebracht. Für den je eigenen Weg. Völlig verschieden sind die Wege, die die Menschen in den Vereinigten Staaten gehen – so wie in allen säkularisierten Staaten der westlichen Welt. Dass der Hinweis Benedikts auf den Königsweg, den mit Jesus Christus, in den Vereinigten Staaten überall auf fruchtbaren Boden gefallen ist, steht nicht in der Macht des Papstes. Aber das Land respektiert ihn. Da hatte Cheney Recht. Das haben die Menschen und die Medien in jenen Tagen gezeigt.

Bereits auf dem Hinflug hat auch Benedikt XVI. seinerseits Respekt vor der großen Nation gezeigt, als er sie vor den mitfliegenden Journalisten sogar als Modell für Europa bezeichnete: „Gewiss können wir in Europa nicht einfach die Vereinigten Staaten kopieren. Wir haben unsere Geschichte. Wir müssen aber voneinander lernen. Was ich an den Vereinigten Staaten faszinierend finde“, meinte der Papst weiter, „ist, dass sie einen positiven Begriff von Laizität gefunden haben, weil dieses neue Volk sich aus einer Gemeinschaft von Menschen zusammensetzt, die vor den Staatsreligionen geflüchtet waren und diese einen laikalen, säkularen Staat haben wollten, der für alle Konfessionen, alle Formen der religiösen Praxis, Möglichkeiten eröffnet.“ So sei es zu einem Staatsmodell gekommen, das ganz bewusst und aufrichtig säkular sei, dies aber gerade aus einem religiösen Willen heraus.

Versöhnung mit den religiösen Wurzeln der Gesellschaft

So sei es zu erklären, dass die laikalen Institutionen aus einem faktischen moralischen Konsens heraus lebten, der unter den Bürgern bestehe. Benedikt XVI. zufolge handelt es sich dabei um ein „grundlegendes und positives Modell“, das auch diesseits des Atlantiks in Betracht zu ziehen sei. Die moderne, säkulare Gesellschaft wieder mit ihren religiösen Wurzeln zu versöhnen, das war ein Leitgedanke während seiner Reise. Ja zur säkularen Gesellschaft, Nein zu einem ideologischen Laizismus, der Gott aus allen Feldern der Gesellschaft ausschließen will. Ja zur Freiheit, Nein zu einem Relativismus, der sich der Suche nach Wahrheit verschließt.

Aber gerade die säkulare Welt, die der Papst klar bejahte, verlangt für ihn das eindeutige Zeugnis der Christen, was er am Freitag in der Kirche der Deutschen in New York, der Saint Joseph Church, vor den 250 Vertretern christlicher Konfessionen hervorhob. Und dazu gehöre das Festhalten an der göttlichen Offenbarung, auch wenn deren Möglichkeit von Denkweisen in Frage gestellt werde, die in universitären Kreisen, in den Massenmedien und in der öffentlichen Meinung weit verbreitet sind. Umso wichtiger sei da ein einheitliches Zeugnis der Christen für die Wahrheit. Eine Einheit, die, wie Benedikt XVI. sagte, in dem Bekenntnis der leiblichen Auferstehung Jesu und zum anderen in der Einheit der Dreifaltigkeit gründe. Ein relativistischer Zugang zur christlichen Lehre helfe hingegen nicht weiter.

Vor den Jugendlichen, die der Papst am Samstag im Priesterseminar von New York traf, kam er darauf zurück – mit einer persönlichen Erinnerung: „Meine Jahre als Teenager sind ruiniert worden von einem unglückseligen Regime“, einem Regime, das Gott geächtet hatte und sich selbst dann als Monstrum erwies. Dagegen sei die Wahrheit des Christentums zutiefst menschlich, sie widersetze sich jedem Relativismus, sei aber nicht rein dogmatisch. „Liebe Freunde“, rief er den Jugendlichen zu, „die Wahrheit ist nichts Aufoktroyiertes. Noch ist sie einfach eine Ansammlung von Regeln. Wahrheit bedeutet, jemanden entdecken, der uns nie verrät; sie bedeutet, jemand entdecken, auf den wir immer vertrauen können.“

Das ist das „Angebot“, das Papst Benedikt den Menschen während seiner sechstägigen Reise machte. Die Vereinigten Staaten sind alles andere als ein katholischer Staat, auch fehlt dort der „katholische Mutterboden“, wie er in einigen Ländern Europas noch vorhanden ist. Aber Benedikt hat den säkularen, freien, jedoch dem Religiösen gegenüber aufgeschlossenen Geist der Gesellschaft der Vereinigten Staaten ausdrücklich gewürdigt. Gegenüber den Vertretern der anderen christlichen Konfessionen stellte er jedoch klar, dass Freiheit auch nicht Beliebigkeit bedeute: Die Christen dürften nicht darauf verzichten, den christlichen Glauben als objektive Wahrheit vorzustellen. Denn sonst müsste man nur dem persönlichen Gewissen folgen und die Gemeinschaft wählen, die dem persönlichen Geschmack am besten entspreche. „Das Ergebnis“, so der Papst, „findet man in der ständigen Entstehung neuer Gemeinschaften, die oftmals institutionelle Strukturen meiden und die Bedeutung des Lehrinhalts für das Leben hintanstellen.“ Für eine ökumenische Begegnung recht deutliche Worte.

Das Vermächtnis des Papstes, das Benedikt XVI. den Vereinigten Staaten hinterlassen hat, sind seine langen und ausgearbeiteten Ansprachen, kleine Enzykliken in gewisser Weise, die noch manches bewirken können, wenn man sie wieder liest. Das gilt auch für seine Rede vor den Vereinten Nationen, ein im diplomatischen Stil verfasstes Dokument, mit dem sich die katholische Kirche nochmals hinter die Erklärung der Menschenrechte stellt.

Signale, die bis nach Deutschland wirken

Die bedeutsamste Geste war der kurze Besuch am „Ground zero“, wo Papst Benedikt ein Gebet sprach. Rechtzeitig noch in das Besuchsprogramm aufgenommen hatte auch die Begegnung in der New Yorker Synagoge große Bedeutung. Der Rabbiner der Synagoge, Arthur Schneier, der den Papst begrüßte, ist Österreicher, ein Überlebender der Nazi-Zeit, der 1947 in die Vereinigten Staaten ausgewandert ist. Er würdigte die Bemühungen der katholischen Kirche und besonders Benedikts XVI. im Dialog mit den Juden. Dieses Signal dürfte auch nach Deutschland wirken. Hier hatten Vertreter des Judentums wie katholische Stimmen die Antisemitismus-Karte gezogen, als Benedikt XVI. die Karfreitagsfürbitte für das Volk der Juden in der Liturgie des außerordentlichen Ritus ändern ließ. Von solchen Empfindlichkeiten fehlte bei den Juden New Yorks jede Spur.

Ebenso dürfte in Deutschland auf Aufmerksamkeit stoßen, was der Papst am vergangenen Donnerstag vor Dozenten der katholischen Universität Washington sagte, denn auch im Heimatland des Papstes gibt es eine katholische Hochschule, die derzeit in Erwartung eines neuen Präsidenten um ihr Selbstverständnis ringt. Das, was in Eichstätt, dem Sitz dieser Universität, als umstritten erscheint, forderte der Papst mit klaren Worten: Katholische Schulen und Universitäten hätten ihr Profil zu schärfen. Für ihre Lehrenden sei es Pflicht und Privileg zugleich, eine Unterweisung in der katholischen Lehre und Praxis zu gewährleisten. Das verlange ein „öffentliches Zeugnis“ der christlichen Botschaft innerhalb wie außerhalb des Unterrichts.

„Ein Abweichen von diesem Leitbild“, so Papst Benedikt, „schwächt die katholische Identität und führt, weitab von einem Freiheitsgewinn, unausweichlich zu Verwirrung, sei es moralisch, intellektuell oder geistlich.“ Er nannte es unverzichtbar, die persönliche Nähe der Studierenden zu Christus zu stärken und sie zu einer Teilnahme am kirchlichen Leben zu ermutigen. Bildung müsse moralischer Verwirrung und einer Fragmentierung des Wissens entgegenwirken. Eine Botschaft, die auch in Eichstätt zum Nachdenken anregen wird. Wenn er sich an die Verantwortlichen wandte, an die Bischöfe, die Priester und Ordensleute oder die Dozenten katholischer Bildungseinrichtungen, dann konnte Benedikt XVI. in den Vereinigten Staaten auch strenge Worte finden. Unmissverständlich war er vor allem in einem Punkt: Dass die Zeit der Reinigung und Heilung nach den gehäuft aufgetretenen Fällen sexuellen Missbrauchs noch nicht vorüber ist. In diesem Punkt kannte der Papst keine Gnade.